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Die seltsame Geburt der Königin von Saba
Balkis, die Königin von Saba, war die Tochter eines mächtigen
Königs und einer Peri, einer Fee. In einem ihrer ersten Gespräche
mit Salomon erzählte sie die Geschichte ihrer Geburt, die wir derSeltsamkeit
wegen hier so aufzeichnen, wie sie uns die alten arabischen Quellen überliefert
haben.
In China herrschte einst ein mächtiger Kaiser, der ein
großer Jäger war. Auf einem seiner Züge beobachtete er zwei
Schlangen, eine schwarze und eine weiße, die in einen tödlichen
Kampf verstrickt waren. Die weiße war ihrem Ende nahe. Da erschlug der
Kaiser die schwarze mit seinem Hirschfänger, ließ die weiße
auf ein Maultier ladenund befahl, sie in sein Gemach zu tragen, damit sie sich
erholen könne.
Als der Kaiser am nächsten Tag sein Gemach
betrat, fand er dort eine schöne überirdische Gestalt, die sich sogleich
als eine Peri, eine Fee, zu erkennen gab. Sie dankte ihm dafür, daß
er sie aus den Klauen eines Dämons befreit hatte, der sich in eine schwarze
Schlange verwandelt hatte, um sie zu erdrosseln. Dann sagte sie: "Verlange
von mir, was du willst. Ich will dir gern alles geben, um dir meine Dankbarkeit
zu beweisen. Willst du Schätze?"
"Ich habe deren genug" antwortete der Kaiser.
"Soll ich dir die Geheimnisse der Arzneikunst entdecken?"
"Ach, an Ärzten fehlt es mir nicht. Ich habe deren
immer mehr als ich brauche."
"Nun, mein drittes Angebot wirst du nicht in den Wind
schlagen. Meine Schwester ist die schönste der Peris. Ich gebe sie dir
zur Frau, und du wirst glücklich mit ihr sein, wenn du mir nur ein Versprechen
gibst und hältst."
"Und was wäre das für ein Versprechen?"
"Du darfst sie nie nach den Gründen für ihre
Handlungen fragen. Laß sie tun, was ihr beliebt, aber frage nie, warum
sie dies oder jenes tut, sonst fliegt sie dir auf der Stelle davon und du bekommst
sie nie wieder zu sehen".
Der Kaiser versprach alles und die Vermählung fand bald
nach diesem Gespräch statt. Die Peri war so außerordentlich schön,
daß es dem Kaiser unmöglich schien, sich auch nur einen Augenblick
von ihr zu trennen. Nach neun Monden wurde sie von einem Knaben entbunden,
der war rein und zart wie eine Perle. Bald nach der Geburt sah der Kaiser,
wie vor der Tür ein helles Feuer aufflammte. Die Kaiserin wickelte ihr
Kind in ein seidenes Tuch und warf es ins Feuer. Im selben Augenblick verschwand
alles wie ein Spuk. Der Kaiser weinte und riß sich den Bart aus vor Kummer.
Aber er wagte nicht, sie nach den Gründen für ihre Tat zu fragen.
Dann kam sie mit einem Mädchen nieder, dessen Schönheit den Glanz
von Sonne und Mond verdunkelte. Die Mutter wickelte auch dieses Kind in ein
seidenes Tuch. Bald darauf erschien an der Tür eine schwarze Bärin.
Dieser warf die Mutter das Kind in den Rachen. Auch die Bärin verschwand.
Der Kaiser war der Verzweiflung nahe. Er riß sich Bart und Haare aus.
Aber er wagte wieder nicht zu fragen. Er war ratlos. Endlich kam er zu dem
Schluß, das Geduld und Ergebung das beste wären, wenn er sich das
Leben nicht umsonst verkümmern wolle.
Kurz darauf drohte ein mächtiger Feind, China mit Krieg
zu überziehen. Der Kaiser befahl dem Heer, sich für sieben Tage mit
Proviant zu versehen, denn man mußte durch die Wüste marschieren.
Am fünften Tag kam die Kaiserin mit einem großen Messer in der Hand,
schnitt die Brotsäcke und Wasserschläuche entzwei und verstreute
den ganzen Proviant, so daß Kaiser und Heer dem Hungertod nahe waren.
Da rief der Kaiser: "was zu viel ist, ist zu viel! Ich sehe wohl, daß
eine Verbindung mit den Peris den Menschen nicht gemäß ist. Sie
dient nur unserem Verderben. Sie hat mich meiner Kinder beraubt und nun will
sie mich und mein Heer vernichten".
Und der Kaiser stellte seine Frau zur Rede. Sie antwortete
aber: "Oh, ihr törichten Menschen! Ihr könnt euch nie durch
restloses Vertrauen einer Peri würdig zeigen. Immer wieder verscherzt
ihr euer Glück durch unzeitigen Vorwitz. Armer Kaiser! Wie sehr wirst
du deine Neugier noch bedauern! Aber ich will sie vorderhand befriedigen.
Wisse zunächst, daß dein Wesir von den Feinden bestochen
worden ist und heute Brot und Wasser vergiftet hat, um dich und dein ganzes
Heer zugrunde zu richten. Das Kind, das ich ins Feuer warf, hatte einen angeborenen
schweren körperlichen Schaden. Es hätte drei Tage nicht überlebt.
Das Mädchen ist noch am Leben. Die Bärin, der ich es anvertraut habe,
ist eine Amme die das Kind säugt und leckt. Du sollst dein Töchterchen
wieder haben, aber die Mutter bekommst du nicht mehr zu sehen". Kaum hatte
sie diese Worte gesprochen, da brachte die Bärin das Kind, herrlich mit
Juwelen geschmückt, und die Peri verschwand.
Zarte, reine, überirdische Geschöpfe
wie die Peris sind nicht dazu geschaffen, mit Menschen zusammen zu leben. Sie
fordern volles, unumschränktes, unerschütterliches Vertrauen in ihre
Freundschaft und Treue, und wie viele Männer sind dieses Vertrauens fähig?
Immer martern Unruhe und Neugier die Sterblichen, die sich von der tiefen,
über alle Sorge erhabenen Gemütsruhe der Peris keinen Begriff machen
können. Deshalb haben die Verbindungen der Menschen mit den Peris keinen
Bestand. Das Kind aus der Ehe des Kaisers von China mit einer Peri war Balkis,
die Königin von Saba, berühmt durch ihre Schönheit, berühmter
durch ihre Weisheit. Schönheit und Weisheit sind ein Erbstück der
Peris und der Propheten. Die Peris bringen die Schönheit ein, die Propheten
die Weisheit. Dies zeigte sich auch bei einem Wettstreit zwischen Salomon und
Balkis, der damit endete, daß Salomon der Schönheit der Königin
von Saba unterlag, während Balkis sich der Weisheit Salomons beugen mußte.
entnommen aus dem Buch "Märchen und Geschichten aus
dem Orient" - gesammelt v. C. Narciss |