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"Rübezahl"
Lange bevor die Menschen sich überall breit machten,
herrschten die alten Götter und Naturgeister über die Erde. Im schlesischen
Riesengebirge war das Reich eines Erdgeistes, man nannte sie später auch
Gnome, der recht mächtig war. Zwar erstreckte sich sein Herrschaftsgebiet
hauptsächlich unter der Erde, doch oberhalb war auch das Gebiet des Gebirges
sein Zugang zur Oberwelt. Dieser Gnom, damals noch ohne Namen, erfreute sich
an den Schätzen in seinen Bergen, viel Gold, Silber und Edelsteine, viele
kleinere Erdgeister und Zwerge waren in seinem Reich tätig. Oft machte
er einen Ausflug an die Oberwelt und ließ seinen Blick über das
Riesengebirge schweifen. Auch liebte er es, durch die Wälder zu wandern,
Tiere zu jagen oder auch nur zu erschrecken. Dieser Gnom war vielfältig
in seiner Art, mal grausam und böse, dann wieder herzensgut und mild,
weise und doch kindisch, herrsch- und rachsüchtig und dann wieder sanftmütig.
Das Tierjagen oder das Wandern wurde ihm mit der Zeit doch zu eintönig
und so blieb er lange Zeit in seinem unterirdischen Reich.
Doch gelüstete es ihn mal wieder nach Abwechslung und
so machte er erneut einen Ausflug nach oben und war vollkommen überrascht.
Manche Wälder waren gerodet, kleine Häuser standen hier und dort
auf einem Haufen, Felder mit guter Ernte waren angelegt worden. Das Menschengeschlecht
hatte sich in seinem Gebiet breit gemacht. Das war nun eine ganz große
Neuigkeit für den Gnom und, obwohl man ihn als den Herrscher in seinem
Land nicht gefragt hatte, duldete er die Menschen wohlwollend. Brachten sie
doch Abwechslung und vielleicht auch neue Erfahrungen, denn neugierig war der
Gnom schon.
Um die Menschen besser kennen zu lernen, verwandelte er
sich in einen kräftigen Knecht und ging zu einem Bauern in Lohn. Dieser
hatte mit ihm einen Glücksgriff getan, denn alles, was der Knecht in die
Hand nahm, gedieh zum Besten. Doch der Bauer war ein Geizhals und verpraßte
vieles, so daß der Gnom sich von ihm abwandte. Er versuchte dann sein
Glück bei einem Schafhalter als Knecht. Auch hier gab er sich große
Mühe, die Schafe fanden unter seiner Leitung das beste Futter, keines
stürzte mehr von den Felsen, kein wildes Tier konnte eines reißen.
Doch auch dieser Bauer war ein böser Mensch. Um den
Knecht um den Hirtenlohn zu prellen, stahl er selbst in der Nacht den besten
Zuchtbock und beschuldigte dann den Gnom des Diebstahls. Dieser nahm auch das
hin und verschwand. Doch nur um noch einen dritten Versuch zu wagen. Er ließ
sich von einem Richter einstellen und war sein bester Gehilfe. Aber, ja, aber
auch dieser Richter war kein guter Mensch, er beugte die Gesetze und richtete
zu seinen eigenen Gunsten. Dies wollte der Gnom nicht unterstützen, lehnte
sich dagegen auf und wurde sogar selber ins Gefängnis geworfen. Doch das
war für ihn kein Problem, als Geist konnte er leicht das Schlüsselloch
zum Ausweg nehmen.
Dergestalt über die Boshaftigkeit der Menschen belehrt
kehrte er enttäuscht in die Einsamkeit seiner Berggipfel zurück.
Doch die Neugier trieb ihn bald wieder in die Nähe der Dörfer. Wie
er so durch den Wald ging, hörte er lustiges Lachen und versteckt hinter
den Büschen fand er eine Jungfrauenschar, die Kräuter sammelte und
sich scherzend unterhielt. Und dann, an einem natürlichen Wasserbecken,
von einem kleinen Wasserfall aus dem Fels gewaschen, entkleidete sich erst
eine, dann ihre Gefährtinnen und nahmen ein Bad.
Gar anmutig war die Schönheit der jungen Frauen und
der Gnom bekam seltsame Gefühle, die er nicht zu deuten wußte. Um
näher zu kommen, verwandelte er sich in einen Raben und flog auf die Spitze
eines Baumes direkt am Wasserfall. Aber als Rabe fühlte er ein wenig anders
und so war ihm ein Waldmäusenest viel interessanter als die junge Maid.
Der Gnom merkte, daß er einen Fehler begangen hatte, flug zurück
ins Gebüsch und verwandelte sich in einen jungen Mann. Das hätte
er nicht tun dürfen, denn nun erkannte er, was ihn so seltsam bewegte.
Er entbrannte in Liebe und wünschte sich ein Sterblicher zu sein.
Die Frauenschar zog dann wieder von dannen und er war innerlich
zerrissen vor lauter Gefühl. Wie sollte er sich der Schönen nähern
ohne sie zu erschrecken? Und dann kam ihm ein Gedanke.
Als einige Tage später die Mädchen, es handelte
sich um eine Königstochter namens Emma und ihr Gefolge, wieder zu dem
im Wald verborgenen Badeplatz kamen, da trauten sie ihren Augen kaum. Das vom
Wasserfall ausgewaschene einfache Loch war zu einem Becken mit Marmorrand geworden.
Kleine Säulen schauten aus der Felswand, Blumengirlanden und Rankgewächse
bildeten einen anmutigen Anblick und der steinerne Grund des Beckens war mit
silbernen Kieseln belegt.
Erst zögerte die Maid, dann packte sie die Lust und
sie entschied, das neue Bad zu nutzen. So schön waren nicht mal die Baderäume
im heimischen Schloß. Sie stieg mit frohem Sinn ins Wasser, doch oh je,
kaum hatte sie die silbernen Kiesel am Grund betreten, als dieser verschwand
und sie in die Tiefe zog. Ihre Hofdamen waren verzweifelt und wußten
nicht was tun. Eine jedoch, ihre beste Freundin, sprang auch ins Wasser um
sie zu holen. Doch soviel sie auch versuchte, nach der Prinzessin zu tauchen,
es ging nicht. Wie ein Kork schwamm sie oben.
Es blieb den Mädchen nichts anderes übrig, als
weinend heim zu gehen. Unterwegs trafen sie den König, der gerade auf
der Jagd war. Sie erzählten ihm getreu, was geschehen und dieser ritt
sofort zu dem Badeplatz. Doch, oh Wunder, er war gerade so wie früher,
ein einfaches Becken vom Wasserfall in den Fels gewaschen. Keine Marmorsäulen
oder Girlanden von Pflanzen. Der König, ein gerechter und an die Götter
glaubender Mann, ließ seinen Unmut nicht an den Mädchen aus. Er
schrieb das Vorkommnis dem Willen von Thor oder Odin zu und trauerte nicht
lange.
Emma hingegen wußte nicht wie ihr geschah, als sie
plötzlich versank. Um so größer war ihr Erstaunen, als sie
in einer großen prunkvollen Halle von einem schönen Jüngling
begrüßt und dann durch herrliche Gemächer geführt wurde.
Der Gnom zeigte sich von seiner besten Seite und versuchte ihre Liebe derart
zu erringen. Was er jedoch nicht wußte, Emma hatte sich schon früher
in einen anderen verliebt und war deshalb abweisend.
Der Gnom versuchte mit vielen Dingen ihr Herz zu erfreuen
und ihr näher zu kommen, doch erfolglos. Da kam ihm ein Gedanke, vielleicht
fehlte ihr nur Gesellschaft. So ging er zu einem Rübenfeld, zog einen
Korb voller Rüben heraus und gab ihn seiner Angebeteten. Dazu ein silbernes
Zauberstäbchen mit dem Hinweis, wenn sie damit eine Rübe berühre,
dann könne sie dieser die Gestalt der Person geben, die sie gern als Begleiterin
hätte.
Die Emma versuchte den Zauber und siehe da, ihr erster Versuch
ließ schon ihre liebste Gespielin aus der Rübe werden. Hei, das
war eine Freude. Ruck zuck, in kürzester Zeit stand ihr gesamter Hofstaat
vor ihr und nun lebte die Prinzessin auf. Es wurde gelacht, die schönen
Kleider anprobiert, die Edelsteine und Juwelen bewundert, die die eifrigen
Diener des Gnom herbei geschafft hatten. Und im Herzen des Gnoms wuchs die
Hoffnung, die schöne Emma bald als sein eigen zu sehen.
Doch nach einigen Tagen (oder Wochen?) trat eine seltsame
Wandlung ein. Die so hübschen und jungen Hofdamen wurden immer runzliger,
sie bekamen gelbe Gesichter und eines Tages sahen sie aus wie 100jährige
alte Weiber. Nur Emma war schön und jung wie vorher. Zur Rede gestellt,
mußte der Gnom bekennen, daß er zwar Zauberkräfte besäße,
jedoch nicht Herr über die Zeit und damit das Alter sei. Die Rüben
waren halt ausgetrocknet und damit dem natürlichen Verfall unterworfen.
Und neue ließen sich nicht heranschaffen, soviel Emma auch bat und bettelte,
"oben" war gerade Winter und da wuchsen keine Rüben.
Die Maid wurde immer trübseliger zumal sie auch an
ihren Liebsten oft dachte. Dieser war schon seit Monaten auf der Suche nach
ihr mit seinem Gefolge und wurde auch immer leidvoller, je mehr er vergeblich
suchte. Doch auch der Gnom war nicht glücklich und machte alle Anstrengungen,
die schönen Tage mit dem frohen Sinn des Mädchens wieder aufleben
zu lassen. Er legte sich selbst ein Rübenfeld an und befahl einigen seiner
Untergebenen, von unten den Boden zu heizen, damit die Rüben trotz des
strengen Winters wachsen könnte.
Sowie er die ersten ziehen konnte, gab er sie der schönen
Emma in der Hoffnung, diese wieder an sich binden zu können. Und er versprach,
wenn sie die seine werden würde, dann hätte es nie mehr einen Mangel
an Gespielinnen für sie. Emma hingegen hatte in der Zeit der Einsamkeit
überlegt, wie sie entfliehen könnte und auch eine Idee gehabt. Sie
willigte zum Schein ein, wobei sie jedoch die Bedingung stellte, daß
das Rübenfeld groß genug und immer voll sein sollte. Der Gnom war
hoch erfreut, versprach es und eilte hinfort, diese Forderungen sicher zu stellen.
Emma hingegen verwandelte die erste Rübe in eine Biene
und gab ihr den Auftrag, ihren Geliebten zu finden, ihm ins Ohr zu summen,
daß sie lebe und fliehen wolle. Doch kam war die Biene losgeflogen, als
ein Vogel sie verschlang. Nun versuchte Emma ihr Glück mit einem Grashüpfer,
doch auch dieser wurde unterwegs zur Beute eines Storches. Da kam ihr der Gedanke,
es mit einer Elster zu versuchen. Gesagt, getan, eine Rübe wurde zur Elster,
bekam den gleichen Auftrag wie ihre Vorgänger und gehorsam flog sie davon.
Sie fand auch wirklich den Geliebten Emmas, der gerade eine
Rast bei der Suche nach seiner Liebe eingelegt hatte. Kaum hatte der Vogel
den Namen Emma erwähnt, als der verzweifelte Mann schon nach einem Stein
griff um den vermeintlichen Spötter in der Luft zu töten. Doch zum
Glück konnte er noch den Wurf stoppen, als der Vogel die ersten Worte
der Botschaft sagte. In drei Tagen, so die Nachricht, solle er mit Roß
und Männern an der Grenze des Gebirges warten, denn dorthin wollte Emma
fliehen. Außerhalb des Gebirges erlosch die Macht des Gnoms.
Währenddessen war der Gnom wieder bei der Jungfrau
und wollte das Ehebündnis mit ihr eingehen. Doch Emma erbat sich von ihm
noch einen Tag Bedenkzeit. Dieser wurde ihr zugestanden und am nächsten
Morgen trat sie reich geschmückt vor ihn hin. Doch bevor sie die seine
werden wollte, erbat sie noch einen letzten Beweis der Liebe, damit sie sicher
sei, daß er auch später der liebevolle Gemahl wäre. Der Gnom
willigte ein und Emma befahl ihm, alle Rüben auf dem Feld zu zählen.
Diese wolle sie dann beleben und zu ihren Zeugen und Hochzeitsgästen machen.
Aber er dürfe sich nicht verzählen, sonst wäre die Bedingung
nicht erfüllt.
Während der Gnom zum Rübenfeld eilte und zu zählen
begann, nahm die schlaue Emma die dickste und kräftigste Rübe und
verwandelte diese in ein Pferd. Mit diesem begann sie die Flucht. Unterdessen
hatte der Gnom alle Rüben gezählt und um wirklich sicher zu sein,
wiederholte er die Zählung. Dabei stellte er fest, einen Fehler gemacht
zu haben. Also zählte er ein drittes Mal und wieder war die Zahl nicht
die gleiche. Erst nach langer Mühe stand die Menge aller Rüben fest,
ganz gleich welche Größe sie hatten.
Als der Gnom nun zu Emma zurück kehrte, stellte er
deren Verschwinden fest. Von der Ahnung getrieben, sie könnte geflohen
sein, eilte er auf den höchsten Gipfel und konnte sie gerade kurz vor
der Grenze seines Reiches sehen. Wutentbrannt schleuderte er einen Blitz hinter
ihr her, aber just in dem Moment überschritt sie die Linie und der Blitz
zerschmetterte nur noch die Grenzeiche, die dort stand. Ihr Geliebter aber
fing sie im Fluge auf, denn beim Verlassen des Gnomenreiches verwandelte sich
ihr Roß sofort wieder in eine Rübe. Sie flohen dann beide in weite
Entfernung, wo ihr Liebster mit namens Ratibor eine Stadt baute, die es heute
noch gibt.
Der Gnom jedoch tobte und es wurde noch viel schlimmer,
wenn er an die Plätze kam, wo er mit Emma gewesen war. Alle Erinnerungen
kam dann hoch und zu guter Letzt verfluchte er die Menschen und ließ
den Palast und das Rübenfeld verschwinden. Die Menschen jedoch behielten
seine Geschichte in Erinnerung und gaben ihm den Namen "Rübenzähler"
kurz Rübezahl |