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Die Glocke im Berg
Ein armer Mann ohne Arbeit war bis nach Köln gegangen,
wo er hoffte, Arbeit und Brot zu finden. Aber oh weh, wo er auch fragte, niemand
hatte Arbeit für ihn. Ohne einen Groschen in der Tasche, hungrig und ohne
Aussicht für eine Herberge für die Nacht stand er am Marktplatz und
überlegte, ob er nicht einen Gendarmen um Rat Fragen sollte. Da sprach
ihn auf einmal ein alter gutgekleiderter Mann mit langem weißem Bart
an. "Ihr habt da einen recht guten Wanderstab" sagte der alte Mann.
Der Arme, der nicht wußte, was der Alte wollte, entgegnete "was
geht Euch mein Stecken an, wollt Ihr ihn kaufen"?
"Nein, nein" erwiderte der Alte, "nur wenn
Ihr mir noch sagen könnt, wo Ihr ihn herhabt, dann soll es Euer Schadennicht
sein. Ich kenne das Holz, diese Art von Haselholz wächst nur am Wolsberg,
doch ich selber konnt die Stelle nie finden. Könnt Ihr mir sagen, wo sie
ist?" "Ja sicher, aber das hilft mir auch nicht weiter ohne Arbeit
und Essen, Herr" sagte der Arme. Der Alte lachte und sagte "wenn
Ihr die Stelle noch wißt, so seid Ihr nicht mehr lange arm. Unter dem
Haselbusch ist nämlich ein Schatz verborgen, den ich lange Jahre gesucht
habe".
Der arme Mann dachte sich, schlimmer konnt es nun auch nicht
mehr kommen. Ein alter Narr, sei es drum, vielleicht könnt dieser ihm
wenigstens für die Nacht helfen. "Herr, " sagte er, " wenn
Ihr mir was zum Essen und ein Nachtlager geben würdet, dann führ
ich Euch morgen gleich hin". "Der Handel gilt" sagte der Alte
und nahm den Armen mit in sein Haus. Dieses war wohl ausgestattet und für
den armen Mann schien es, als sei er im Haus eines Zauberers. Doch wenn der
Hunger quält und die Müdigkeit ruft, dann spielt das keine Rolle
mehr. Nach einem guten Mahl bekam er ein herrliches Bett und war bald darauf
eingeschlafen.
Am frühen Morgen weckte ihn der Alte, gab ihm ein reichhaltiges
Frühstück und dann fuhren sie mit der Kutsche des Alten los. Am Wolsberg
angekommen führte ihn der Arme den Alten zu der Stelle, wo er sich seinen
Wanderstab geschnitten hatte. "Wohl, dann haben wir die rechte Stelle.
Hier habt Ihr einen Spaten und ich werde auch graben, dann werden wir beide
den Schatz heben". Dem Armen war es recht und beide fingen an zu schaufeln.
Nach einiger Zeit stießen sie auf harten steinigen Grund und der Arme
sagte, "Herr, es geht nicht mehr weiter, ich spure einen flachen Stein".
"Sehr gut, sehr gut, das ist es" sagte der Alte, legte den Stein
weiter frei und siehe da, es war eine große Platte aus schwarzem Stein
mit einem Griff in der Mitte.
Der Arme zog mit kräftigem Arm auf Geheiß des Alten
und die Platte hob sich und gab einen dunklen Gang in die Tiefe des Berges
frei. Der Alte sagte nun "nun kommt, Ihr könnt Euch die Taschen voll
Gold und Edelsteine stopfen, ich habe hier meinen Ranzen dafür".
Dem Armen wurde etwas beklommen, als er hinter dem Alten in den dunklen Gang
ging, zumal der Alte kein Licht anzündete. Doch seltsam, je weiter sie
gingen, desto heller wurde es und endlich mündete der Gang in eine riesige
Halle, die in überirdischem blauen Licht strahlte. Von der Decke herab
hing eine riesige Glocke, die fast bis zum Boden reichte. Der Alte flüsterte
dem Armen zu "wenn Euch Euer Leben lieb ist, dann rührt die Glocke
nicht an".
Vorsichtig gingen sie um diese herum und dann sah der Arme,
daß die Halle riesengroß wurde. Überall standen Betten und
in diesen lagen Soldaten, unendliche viele. Und alle hatten verschiedene Uniformen
an, viele uralte Rüstungen, Helme, Barette, Abzeichen, die der Arme noch
nie gesehen hatte. Und in der Mitte der Halle war ein Podest, auf dem Feldherren
lagen. Alle in voller Montur, aber der prächtigste trug eine goldene Rüstung,
hatte einen langen roten Bart, eine Kaiserkrone auf und seine Hände stützten
sich auf ein riesiges blankes Schwert mit vielen Edelsteinen im Griff. Und
alle, alle sahen aus, als wenn sie schliefen.
"Wer sind diese" fragte der Arme beklommen den Alten,
der eifrig dabei war, sich seinen Ranzen mit Goldstücken zu füllen,
die in großen Haufen nahe dem Podest lagen. "Was weiß ich"
entgegnete der Alte, "irgendein alter Kaiser und seine Soldaten. Und jeder
Soldat, der in einem Krieg stirbt, kommt auch hierher. Wenn dann einst die
Zeit gekommen ist, erwachen sie alle, steigen hinauf auf die Oberfläche
und kämpfen den großen Krieg und das neue Reich entsteht. Aber was
geht uns das an, stopft Euch Eure Taschen voll und dann zurück. Doch rührt
ja nicht an die Glocke, sonst ist es um uns geschehen". Der Alte begann
zurück zu gehen und der Arme ging ihm beklommen nach durch die Reihen
der vielen Schläfer.
Aber plötzlich, was war das? Da sah er seinen Vater liegen,
daneben seinen Bruder und seinen Freund, den Nachbarsjungen. Sie alle waren
im letzten Krieg nicht mehr heimgekehrt und hier schliefen sie nun. Ach, wenn
er noch einmal ihnen in die Augen blicken könnte. Ihm brach es fast das
Herz und er sah den Alten schon hoch auf der Treppe, die hinaus führte.
Da dachte er sich, auch wenn sie ihn hier behalten würden, er wollte sie
doch einmal wecken. Und er nahm den großen Hammer, der neben der Glocke
lag und schlug zu.
Laut hallte der Glockenton und brauste durch die Halle. Und
allerorten erhoben sich die Schläfer, griffen nach den Waffen und eine
mächtige Stimme fragte " wer schlägt die Glocke, ist unser Tag
gekommen?" Der Alte hatte sich schon beim ersten Ton ängstlich umgedreht
und rief laut " nein, nein, schlaft nur weiter, der Tag ist noch nicht
da". Aber die weittönende Stimme rief " Kaiser Barbarossa, erwache,
es lebe der Kaiser ! "
Und der Kaiser war aufgestanden, seine Rüstung funkelte
und die Krone strahlte weithin. Doch er rief: "Schlaft weiter meine Krieger,
unser Tag ist noch nicht gekommen, noch fliegen die Raben um den Berg. Ein
Goldsucher war es, der uns geweckt hat, noch dämmert nicht unser neuer
Morgen". Als der Kaiser so sprach, da seufzten die Erwachten und legten
sich wieder hin, aber der Arme sah noch, wie sein Vater, Bruder und Freund
ihm kurz zu winkten, dann waren auch sie wieder eingeschlafen.
Der Alte riß den Armen die Treppe hinauf und durch den
Gang, kaum waren sie draußen im Freien, als der Berg mit Getöse
sich verschloß. "Jetzt wär es fast aus mit uns gewesen, ein
Glück, daß ich den Ranzen mit dem Gold noch retten konnte"
sagte der Alte. Doch als er ihn öffnete, waren alle Goldstücke nur
rostige Eisensteine und die Juwelen, die er mitgenommen, nur noch Rheinkiesel.
Aber der Arme hielt noch immer den Hammer in der Hand, mit der er die Glocke
geschlagen hatte. Und dieser war aus purem Gold, das hatten seine Lieben ihm
geschenkt, damit er nicht länger Not leiden sollte. |
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Das Tröglein
Es waren einmal zwei Eheleute, die hatten einen ganz lieben Buben von
vier Jahren und lebten rechtschaffen in einem kleinen Häuschen. Bei ihnen
lebte auch der Großvater des Knaben, der den Kleinen oft auf seinen Knien
hatte reiten lassen, als das Kind noch kleiner war.
Aber nun war der Großvater so alt und zittrig geworden, daß
er kaum noch den Löffel richtig halten konnte, um sein Süppchen zu
essen. Immer wieder floß ihm die Suppe vom Löffel und die beiden
Eltern des Knaben begannen sich davor zu ekeln, den Großvater am Tisch
mitessen zu lassen.
Eines Tages waren sie es so leid, daß sie dem alten Mann den Teller
und Löffel wegnahmen, ihm eine hölzerne Schüssel gaben und ihn
hinten auf die Ofenbank zum Essen schickten. Dem alten Mann kullerten ein paar
Tränen in seinen weißen Bart, doch er tappte in die dunkle Ecke
und schlürfte dann dort seine Suppe.
So war es dann jeden Tag, der alte Mann mußte auf der Ofenbank
in der hinteren Ecke des Stübchens bleiben und bekam sein Essen in der
Holzschüssel. Die Eltern und der kleine Bub saßen am Tisch.
Nach ein paar Tagen fiel dem Vater auf, daß sein kleiner Sohn einige
alte Brettchen aus dem Holzvorrat geholt hatte und mit diesen begann, irgendetwas
zu bauen. Der Mann holte stolz die Frau aus der Küche um ihr zu zeigen,
was der Knabe schon anfing. Beide schauten neugierig zu und dann fragten sie
ihren Sohn "unser Lieber, was soll denn aus diesen Brettchen werden?"
Der Kleine schaute auf, sah sie ganz ernst an und sagte dann "ich
möchte ein Tröglein bauen, aus dem ihr essen könnt, wenn ihr
alt geworden seid". Da sahen sich Frau und Mann ganz beschämt an,
die Tränen stiegen ihnen in die Augen und dann gingen sie zur Ofenbank
und führten den Großvater wieder an den Tisch. Von da an durfte
der Großvater wieder mit ihnen zusammen essen und war bis zu seinem Ende
glücklich. |