Alte deutsche Maerchen 0002

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Wenn noch auf den Bergen Schnee und Eis liegen, so können Bergsteiger doch schon manchmal eine wunderschöne weiße Rose blühen sehen, genannt "Schneerose", und ihre Geschichte geht so:

Die Schneerose

Klein-Mariedl war ein lieblich Kind. Mit inniger Liebe hing sie and ihrer guten Mutter, die ihr alles war. Ihren Vater deckte längst die kühle Erde drunten beim Dorfkirchlein. Wenn der silberne Schein des Mondes in die kleine Berghütte fiel und die nahen Tannen des Forstes unter der weißen Winterlast beinahe zerbarsten und die Sternlein vom nächtlich klaren Himmel glitzerten, dann rief die Kleine " O Mutter, sieh doch diese Pracht!" Und dann ruhte sie nicht eher, bis ihr Mütterchen von dem erzählte, der diese Schönheit schuf.

"Stelle dir vor" so begann sie, "einen greisen Mann mit einem mächtigen Bart von Eiszapfen und schneeigem Haar, das die Tarnkappe von Silberreif bedeckt. Einen Mantel hat er übergeworfen, in den die zartesten Eisblumen gewebtsind. Sein Antlitz ist mild wie ein sonniger Wintertag, und sein Auge leuchtet unter den buschigen Brauen klar und tief wie ein Bergsee im Schatten der Wälder. Auf dem Rücken trägt er einen großen Sack, wenn er zum erstenmal ins Land zieht. Den öffnet er erst, wenn er seine Winterresidenz hoch oben im blauen Eisgebirge bezogen hat. Das sagt er zum Sturm, der noch über ihm auf den höchsten Bergzinnen wohnt: "Famulus, nimm meinen Sack und trage ihn im Fluge durch die Lande - die Flocken seien dir dienstbar!"

Der Sturm jagt nun mit den Flocken im tollen Wirbel über Wälder, Hügel und Täler, baut hier eine Wächte vor die Hütte, verschüttet dort einen Hohlweg im Walde und bläst mit riesenstarker Lunge die Flocken und Flöckchen aus dem Sack, der keinen Boden hat. Erst wenn auf jedem Zaunpfahl ein rundes Käppchen, auf jedem Ast eine graziöse Guirlande und auf jedem Hüttendächlein ein weicher weißer Polster liegt, dann stellt er gemach sein Tagwerk ein und kehrt zurück auf seine luftige Hochwarte.

Der Winter nun beginnt nach den Vorarbeiten des Sturms erst mit seiner Hauptaufgabe. Er befiehlt den Frost zu sich, ein uraltes, zwergenhaftes Männchen mit blaueisigen Schuhen an den Füßen und einem schneeweißen Habit, der funkelt wie von tausend Demantsplittern übersät. Diesem verwachsenen, gnomenartigen Männchen nun reicht Vater Winter seine Wunderkappe und befiehlt: "Folge schleunig den Spuren deines Bruders Sturm - die weiße Bahn bezeichnet seinen Weg - und schwenke fleißig mit dem Wunderding, der Silberkappe!"

Der Frost verschließt die Tür der Felsenkluft, in der er haust und schleicht im Mondlicht hinaus in das Land. Erst zieht sich der Boden krampfhaft zusammen unter seinem Schritt, und wohin auch immer er den eisbesetzten Fuß setzt, bleiben seine unverkennbaren Spuren zurück. Alles Leben erschrickt und stirbt. Der Strom hemmt allmählich seinen Lauf, der plätschernde Bach verliert seine Sprache und den glatten See überdeckt er heimlich mit einer glasharten Platte. Da darf sich nämlich der Frost nur am Ufer hinlegen und einigemale über die blaue Fläche hinblasen und die Eisbahn für Kinder ist fertig.

Schließlich begibt er sich dann noch zu den Wohnungen der Menschen, rührt mit seinem Schuh an den strohumwundenen Brunnendeichel und schwenkt die Silberkappe im Bogen; dann entstehen an den Fenstern jene wundersamen Eisblumen, über die sich die Menschenkinder wundern. Aber auch Reinlichkeit liebt er über alles. Jeder Pfütze schenkt er ein blitzeblankes Spiegelchen, und die Kotwege macht er so hart wie gepflasterte Straßen. Am seltsamsten und fesselndsten aber versucht er seine Kunst an den Bäumen der Gärten und den Tannen der Wälder, ebensowenig vergißt er den einsamen Schlehdorn am Rain als den nackten Weidenstrauch am Wasserlauf. Unzählbare kleine Kristalle setzen sich an jedwedes Ästchen, kein Zweiglein und kein Gräschen kommt ihm aus in Park und Flur, und alles weiß er in seinen duftigen Bannkreis zu ziehen; so mutwillig ist er, daß er sogar den Menschen, der im Freien wandelt, seinen weißen kalten Puder in Bart und Haare stäubt. Und wenn das geschehen ist, dann kehrt er heim in seine weltentrückte Kluft.

Dann befiehlt Vater Winter der Ruhe, über die Länder sich auszuspinnen. Sie kommt aus ihren einsamen Bergforsten herab, breitet sich aus über die winterliche Welt und dämpft den Schall der Turmglocke, deren Schlag nur mehr matt durchs Dörflein zittert, hängt sich and das Wagenrad, das sich nur mehr seufzend über dem gefrorenen Grunde dreht und beschwingt die winterlichen Schlittengefährte, die unheimlichen Laufes lautlos über unabsehbare Flächen eilen. Zum Schluß hängt sie ein graues Gewebe von Wolken und Nebel zwischen Erde und Himmel; das ist des greisen Winters Baldachin. Und wenn die Sonne kommen will am Mittag, - so lange braucht sie, bis sie sich durch die hemmenden Gardienen hindurchgearbeitet - so fühlt sie ihre Kraft meist so erschöpft, daß in wenigen Stunden ihr mattes Feuer verglimmt und sie zum Himmelsofen gehen muß, um sich wenigstens die längsten Strahlen neu zu wärmen. Und nun ist die Natur in Winterschlaf gesunken und der greise Winter nickt auf seinem Eiszapfenthron in der bläulichen Säulenhalle von Bergkristall mit seinem schlafenden Haupt. Dort sitzt er still, bis der erste Lebensodem vom jugendlichen Frühling zu ihm dringt."

Atemlos lauschte Blond-Mariedel den Worten ihrer Mutter und sie mühte sich, Wort für Wort zu behalten. Da kam es anders - Übers Jahr trug man die gute Mutter von der einschichten Berghütte hinab zum Kirchhof ins Tal und Klein-Mariedel war allein. Die Menschen kamen und wollten sie mit fortnehmen aus dem liebgewonnenen Hause. Abe sie ging nicht mit denen, die ihr die Mutter fortgetragen hatten. Nein, sie wollte fort, hinweg von dieser Trauerstätte, fort in alle Weiten. Und darum nahm sie den starken Bergstock, auf den sich die Mutter immer gestützt, wenn sie aufwärts in den Bergwald stieg. O wie schön war's, als sie zum letztenmal mit ihr die roten Früchtchen der Peißelbeere oben aus dem Latschendickicht holen durfte! Dorthin wollte sie wieder, weiter, immer höher hinauf bis zum Blaueis, wo der Winter seine Residenz aufgeschlagen hatte. Den wollte sie aufsuchen und ihm klagen all ihr Leid - den Menschen nicht!

Und sie wandelt auf gefrorenem Schnee durch verschneiten Hochwald, wo jeder Baum eine andere abenteuerliche Gestalt annahme und manchmal ein Pfad sich auftat wie ein langer Kreuzgang. So schritt sie fort schon seit dem frühen Morgen. Und nun ward sie auf den höchsten Sommeralmen angelangt und näherte sich dem Begiete, wo die verwachsenen Latschenzweige ihrem müden Füßchen Fußangeln legten. O weh, jetzt fühlte sie, wie ermüdet sie vom steilen Wege war und wie ihre Kräfte kaum mehr reichten, ein geschütztes Plätzchen unterm überhängenden Fels zu erreichen. Ja, da oben, weit in der Höhe, wo die weiße Gipfelzacke wie ein Zuckerhütchen in den Abendhimmel ragte, da wußte sie den König Winter. Der mußte doch mit so einem armen Mägdlein voller Herzleid Mitleid haben und gnädig sich ihrer annehmen. Aber wenn sie nur erst oben wäre am Blaueis vom Gletscher!

Nur ein wenig rasten wollte sie dort unterm Felsendach, dann wieder emporklimmen mit neuen Kräften. Und weil ihr nun ihr herzliebstes Mütterchen einfiel, das ihr die Menschen hinweggetragen, da brach sie in ein gar jammervolles Schluchzen aus und die Tränlein rollten ihr über die vergrämten Wangen und fielen hinab in den Schnee, der sie rasch versteckte und wie einen kostbaren Schatz verbarg.

"O wenn halt jetzt der Frühling käme," seufzte das verlassene Kind, "der Frühling mit seinen Blümlein und seiner Sonne, dann dürfte Arm-Mariechen nicht frieren und weinen - lieber Frühling komm und wärme mich, bis ich den Herrn Winter gefunden!" Drauf war ihr, als hörte sie die Erde beben und ein Schall schlug von der obersten Region des Königs Winter an ihr Ohr, als ob sich eine Lawine lösen wollte. Dann war alles still. Klein-Mariedel seufzte drauf und bat: "So hole mich, du lieber König Winter, selbst zu dir. Denn sieht, die Kräfte schwinden deiner kleinen Blondmarie!"

Das Echo hatte ihre Worte aufgefangen und zu des Winters Thron empor getragen. Klein-Mariedel unterm Felsen sank in Schlaf. Und stand plötzlich König Winter mild und herrlich vor dem Mägdlein. "O König Winter", bat sie leise, "daß Ihr kommt, wie freu ich mich; so führt mich halt in Eure königlich-kristallnen Hallen und bringet mich zum Mütterlein, die bei den Sternen wohnen soll. Ich will Euch immer dankbar sein mein Leben lang, beim Mütterlein!" Herr Winter lächelte so huldvoll und mild und bot ihr seine Hand. Drauf ging's empor die blaue Gletscherstraße, hinein zum königlichen Throngemach und dann noch viele, vielemal empor zum Sternensaal. Dort leuchten ihr zwei liebevolle Augensterne, sie jauchzt, sie jubelt, sie liegt im Arme ihrer Mutter. "O Mütterlein, nun laß mich ewig bei dir sein!" So ruft sie und König Winter schließt das Tor des Sternensaals und steigt hernieder zu seinem Thron.

Nicht lange mehr hat seine Herrschaft Dauer. Des Lenzes Bote Föhn rüttelt an Türen und Toren der winterlichen Residenz, die verbündete Sonne löst leiste Schloß und Riegel und eines Tages ist der Thron von König Winter leer.

Der Frühling aber kommt den Hang heraufgestiegen und tritt so an jenes Flecklei unterm Felsen, wo ein geängstigt Menschenkind vor Monden schon um seine Hilfe flehte. Dan findet er die Tränlein, die still im weißen Winterkleide noch verborgen liegen und voll von Rührung küßt er sie mit seinem warmen Odem und zaubert eine Blume mitten aus dem kalten Bett des Schnees. Und er befiehlt der Neugeborenen, jährlich dann zu blühen, wenn Winter noch zuhöchst auf seinem Herrscherthron sitzt und ihre treuen grünen Blätter in einem fort aus der Erde zu entfalten, solang sie Himmelslicht und Sternenglanz auf ihrem Haupt gewahre. Das sei der Kindesliebe Dank. Dann ist er leise fortgeschwebt und hat uns Menschenkindern die seltsamste der Rosen, seine Schneerose beschert! Sei uns gegrüßt, du bleiches Kind der Berge, uns're Wunderrose!

Gefunden in einem alten Jugendbuch um die Jahrhundertwende und wörtlich übernommen, da allein manche Formulierungen sehr schön klingen.

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