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Die Schneerose
Klein-Mariedl war ein lieblich Kind. Mit inniger Liebe hing
sie and ihrer guten Mutter, die ihr alles war. Ihren Vater deckte längst
die kühle Erde drunten beim Dorfkirchlein. Wenn der silberne Schein des
Mondes in die kleine Berghütte fiel und die nahen Tannen des Forstes unter
der weißen Winterlast beinahe zerbarsten und die Sternlein vom nächtlich
klaren Himmel glitzerten, dann rief die Kleine " O Mutter, sieh doch diese
Pracht!" Und dann ruhte sie nicht eher, bis ihr Mütterchen von dem
erzählte, der diese Schönheit schuf.
"Stelle dir vor" so begann sie, "einen greisen
Mann mit einem mächtigen Bart von Eiszapfen und schneeigem Haar, das die
Tarnkappe von Silberreif bedeckt. Einen Mantel hat er übergeworfen, in
den die zartesten Eisblumen gewebtsind. Sein Antlitz ist mild wie ein sonniger
Wintertag, und sein Auge leuchtet unter den buschigen Brauen klar und tief
wie ein Bergsee im Schatten der Wälder. Auf dem Rücken trägt
er einen großen Sack, wenn er zum erstenmal ins Land zieht. Den öffnet
er erst, wenn er seine Winterresidenz hoch oben im blauen Eisgebirge bezogen
hat. Das sagt er zum Sturm, der noch über ihm auf den höchsten Bergzinnen
wohnt: "Famulus, nimm meinen Sack und trage ihn im Fluge durch die Lande
- die Flocken seien dir dienstbar!"
Der Sturm jagt nun mit den Flocken im tollen Wirbel über
Wälder, Hügel und Täler, baut hier eine Wächte vor die
Hütte, verschüttet dort einen Hohlweg im Walde und bläst mit
riesenstarker Lunge die Flocken und Flöckchen aus dem Sack, der keinen
Boden hat. Erst wenn auf jedem Zaunpfahl ein rundes Käppchen, auf jedem
Ast eine graziöse Guirlande und auf jedem Hüttendächlein ein
weicher weißer Polster liegt, dann stellt er gemach sein Tagwerk ein
und kehrt zurück auf seine luftige Hochwarte.
Der Winter nun beginnt nach den Vorarbeiten des Sturms erst
mit seiner Hauptaufgabe. Er befiehlt den Frost zu sich, ein uraltes, zwergenhaftes
Männchen mit blaueisigen Schuhen an den Füßen und einem schneeweißen
Habit, der funkelt wie von tausend Demantsplittern übersät. Diesem
verwachsenen, gnomenartigen Männchen nun reicht Vater Winter seine Wunderkappe
und befiehlt: "Folge schleunig den Spuren deines Bruders Sturm - die weiße
Bahn bezeichnet seinen Weg - und schwenke fleißig mit dem Wunderding,
der Silberkappe!"
Der Frost verschließt die Tür der Felsenkluft,
in der er haust und schleicht im Mondlicht hinaus in das Land. Erst zieht sich
der Boden krampfhaft zusammen unter seinem Schritt, und wohin auch immer er
den eisbesetzten Fuß setzt, bleiben seine unverkennbaren Spuren zurück.
Alles Leben erschrickt und stirbt. Der Strom hemmt allmählich seinen Lauf,
der plätschernde Bach verliert seine Sprache und den glatten See überdeckt
er heimlich mit einer glasharten Platte. Da darf sich nämlich der Frost
nur am Ufer hinlegen und einigemale über die blaue Fläche hinblasen
und die Eisbahn für Kinder ist fertig.
Schließlich begibt er sich dann noch zu den Wohnungen
der Menschen, rührt mit seinem Schuh an den strohumwundenen Brunnendeichel
und schwenkt die Silberkappe im Bogen; dann entstehen an den Fenstern jene
wundersamen Eisblumen, über die sich die Menschenkinder wundern. Aber
auch Reinlichkeit liebt er über alles. Jeder Pfütze schenkt er ein
blitzeblankes Spiegelchen, und die Kotwege macht er so hart wie gepflasterte
Straßen. Am seltsamsten und fesselndsten aber versucht er seine Kunst
an den Bäumen der Gärten und den Tannen der Wälder, ebensowenig
vergißt er den einsamen Schlehdorn am Rain als den nackten Weidenstrauch
am Wasserlauf. Unzählbare kleine Kristalle setzen sich an jedwedes Ästchen,
kein Zweiglein und kein Gräschen kommt ihm aus in Park und Flur, und alles
weiß er in seinen duftigen Bannkreis zu ziehen; so mutwillig ist er,
daß er sogar den Menschen, der im Freien wandelt, seinen weißen
kalten Puder in Bart und Haare stäubt. Und wenn das geschehen ist, dann
kehrt er heim in seine weltentrückte Kluft.
Dann befiehlt Vater Winter der Ruhe, über die Länder
sich auszuspinnen. Sie kommt aus ihren einsamen Bergforsten herab, breitet
sich aus über die winterliche Welt und dämpft den Schall der Turmglocke,
deren Schlag nur mehr matt durchs Dörflein zittert, hängt sich and
das Wagenrad, das sich nur mehr seufzend über dem gefrorenen Grunde dreht
und beschwingt die winterlichen Schlittengefährte, die unheimlichen Laufes
lautlos über unabsehbare Flächen eilen. Zum Schluß hängt
sie ein graues Gewebe von Wolken und Nebel zwischen Erde und Himmel; das ist
des greisen Winters Baldachin. Und wenn die Sonne kommen will am Mittag, -
so lange braucht sie, bis sie sich durch die hemmenden Gardienen hindurchgearbeitet
- so fühlt sie ihre Kraft meist so erschöpft, daß in wenigen
Stunden ihr mattes Feuer verglimmt und sie zum Himmelsofen gehen muß,
um sich wenigstens die längsten Strahlen neu zu wärmen. Und nun ist
die Natur in Winterschlaf gesunken und der greise Winter nickt auf seinem Eiszapfenthron
in der bläulichen Säulenhalle von Bergkristall mit seinem schlafenden
Haupt. Dort sitzt er still, bis der erste Lebensodem vom jugendlichen Frühling
zu ihm dringt."
Atemlos lauschte Blond-Mariedel den Worten ihrer Mutter und
sie mühte sich, Wort für Wort zu behalten. Da kam es anders - Übers
Jahr trug man die gute Mutter von der einschichten Berghütte hinab zum
Kirchhof ins Tal und Klein-Mariedel war allein. Die Menschen kamen und wollten
sie mit fortnehmen aus dem liebgewonnenen Hause. Abe sie ging nicht mit denen,
die ihr die Mutter fortgetragen hatten. Nein, sie wollte fort, hinweg von dieser
Trauerstätte, fort in alle Weiten. Und darum nahm sie den starken Bergstock,
auf den sich die Mutter immer gestützt, wenn sie aufwärts in den
Bergwald stieg. O wie schön war's, als sie zum letztenmal mit ihr die
roten Früchtchen der Peißelbeere oben aus dem Latschendickicht holen
durfte! Dorthin wollte sie wieder, weiter, immer höher hinauf bis zum
Blaueis, wo der Winter seine Residenz aufgeschlagen hatte. Den wollte sie aufsuchen
und ihm klagen all ihr Leid - den Menschen nicht!
Und sie wandelt auf gefrorenem Schnee durch verschneiten Hochwald,
wo jeder Baum eine andere abenteuerliche Gestalt annahme und manchmal ein Pfad
sich auftat wie ein langer Kreuzgang. So schritt sie fort schon seit dem frühen
Morgen. Und nun ward sie auf den höchsten Sommeralmen angelangt und näherte
sich dem Begiete, wo die verwachsenen Latschenzweige ihrem müden Füßchen
Fußangeln legten. O weh, jetzt fühlte sie, wie ermüdet sie
vom steilen Wege war und wie ihre Kräfte kaum mehr reichten, ein geschütztes
Plätzchen unterm überhängenden Fels zu erreichen. Ja, da oben,
weit in der Höhe, wo die weiße Gipfelzacke wie ein Zuckerhütchen
in den Abendhimmel ragte, da wußte sie den König Winter. Der mußte
doch mit so einem armen Mägdlein voller Herzleid Mitleid haben und gnädig
sich ihrer annehmen. Aber wenn sie nur erst oben wäre am Blaueis vom Gletscher!
Nur ein wenig rasten wollte sie dort unterm Felsendach, dann
wieder emporklimmen mit neuen Kräften. Und weil ihr nun ihr herzliebstes
Mütterchen einfiel, das ihr die Menschen hinweggetragen, da brach sie
in ein gar jammervolles Schluchzen aus und die Tränlein rollten ihr über
die vergrämten Wangen und fielen hinab in den Schnee, der sie rasch versteckte
und wie einen kostbaren Schatz verbarg.
"O wenn halt jetzt der Frühling käme,"
seufzte das verlassene Kind, "der Frühling mit seinen Blümlein
und seiner Sonne, dann dürfte Arm-Mariechen nicht frieren und weinen -
lieber Frühling komm und wärme mich, bis ich den Herrn Winter gefunden!"
Drauf war ihr, als hörte sie die Erde beben und ein Schall schlug von
der obersten Region des Königs Winter an ihr Ohr, als ob sich eine Lawine
lösen wollte. Dann war alles still. Klein-Mariedel seufzte drauf und bat:
"So hole mich, du lieber König Winter, selbst zu dir. Denn sieht,
die Kräfte schwinden deiner kleinen Blondmarie!"
Das Echo hatte ihre Worte aufgefangen und zu des Winters Thron
empor getragen. Klein-Mariedel unterm Felsen sank in Schlaf. Und stand plötzlich
König Winter mild und herrlich vor dem Mägdlein. "O König
Winter", bat sie leise, "daß Ihr kommt, wie freu ich mich;
so führt mich halt in Eure königlich-kristallnen Hallen und bringet
mich zum Mütterlein, die bei den Sternen wohnen soll. Ich will Euch immer
dankbar sein mein Leben lang, beim Mütterlein!" Herr Winter lächelte
so huldvoll und mild und bot ihr seine Hand. Drauf ging's empor die blaue Gletscherstraße,
hinein zum königlichen Throngemach und dann noch viele, vielemal empor
zum Sternensaal. Dort leuchten ihr zwei liebevolle Augensterne, sie jauchzt,
sie jubelt, sie liegt im Arme ihrer Mutter. "O Mütterlein, nun laß
mich ewig bei dir sein!" So ruft sie und König Winter schließt
das Tor des Sternensaals und steigt hernieder zu seinem Thron.
Nicht lange mehr hat seine Herrschaft Dauer. Des Lenzes Bote
Föhn rüttelt an Türen und Toren der winterlichen Residenz, die
verbündete Sonne löst leiste Schloß und Riegel und eines Tages
ist der Thron von König Winter leer.
Der Frühling aber kommt den Hang heraufgestiegen und
tritt so an jenes Flecklei unterm Felsen, wo ein geängstigt Menschenkind
vor Monden schon um seine Hilfe flehte. Dan findet er die Tränlein, die
still im weißen Winterkleide noch verborgen liegen und voll von Rührung
küßt er sie mit seinem warmen Odem und zaubert eine Blume mitten
aus dem kalten Bett des Schnees. Und er befiehlt der Neugeborenen, jährlich
dann zu blühen, wenn Winter noch zuhöchst auf seinem Herrscherthron
sitzt und ihre treuen grünen Blätter in einem fort aus der Erde zu
entfalten, solang sie Himmelslicht und Sternenglanz auf ihrem Haupt gewahre.
Das sei der Kindesliebe Dank. Dann ist er leise fortgeschwebt und hat uns Menschenkindern
die seltsamste der Rosen, seine Schneerose beschert! Sei uns gegrüßt,
du bleiches Kind der Berge, uns're Wunderrose!
Gefunden in einem alten Jugendbuch um die Jahrhundertwende
und wörtlich übernommen, da allein manche Formulierungen sehr schön
klingen. |