Alte deutsche Maerchen 0006

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Eines der vielen Bechstein - Märchen:

Der Hasenhüter und die Königstochter

Ein reicher König hatte eine sehr schöne Tochter und diese wollte sich verheiraten. Aber sie wollte nicht jeden und hatte sich etwas ausgedacht um sich den aussuchen zu können, der ihr am meisten gefiel. Sie ließ alle, die sich um sie bewarben, auf einer Wiese zusammen kommen. Dann wurde den Bewerbern gesagt, daß folgende Aufgaben aus sie warteten: einen von der Prinzessin in die Luft geworfenen goldenen Apfel fangen und drei von ihr gestellte Aufgaben lösen. Wer das schaffe, der wäre der Bräutigam der Königstochter.


Sie warf den goldenen Apfel, er wurde von einem Bewerber gefangen, doch die drei gestellten Aufgaben konnte dieser nicht lösen. Und so ging das vielfach, zum Schluß blieb nur noch ein fröhlicher hübscher Schäferbursche übrig, der den Apfel auch gefangen hatte. Da er aber nun gänzlich ohneReichtum oder Adel war, kam er als letzter an die Reihe um eventuell die Aufgaben zu lösen.


Die erste Aufgabe lautete: die vom König in einem Stall gehaltenen hundert Hasen auf die Weide zu bringen, zu hüten und am Abend wieder vollständig zurück zu bringen. Der Schäfer, der zwar das Hüten gewohnt war, aber bei den Hasen ein echtes Problem sah, bat sich einen Tag Bedenkzeit aus und ging traurig in die Berge. Denn hundert Hasen zu hüten und vollständig zurück zu bringen sah er als aussichtslos an.

Wie er so mutlos seines Weges ging, begegnete ihm ein altes Mütterchen und fragte ihn nach seinem Kummer. „Ach, mir kann niemand helfen“ sagte der junge Bursche. Das alte Mütterchen tadelte ihn und sagte „urteile nicht so vorschnell. Erzähle mir dein Problem und dann werden wir sehen“. Der junge Schäfer erzählte ihr von der schweren Aufgabe und welchen Lohn er dafür bekäme und die alte ganz in Grau gekleidete Frau hörte ihm ruhig zu.

Als er fertig war, nahm sie ein kleines Pfeifchen aus ihrem Mantel und gab es ihm mit den Worten „hier, nimm dieses Pfeifchen und hebe es gut auf, das wird dir dabei helfen“. Bevor der junge Bursche noch danke sagen konnte, war die alte Frau spurlos verschwunden.


Da der Schäfer noch ein unverdorbenes Menschenkind war und an gute Geister und Feen glaubte, wendete er seinen Gang sofort zum Schloß, ging fröhlich zum König und sagte diesem „wohlan, ich werd die Hasen hüten“.

Man ließ also die Hasen aus dem Stall raus, aber als der letzte endlich rauskam, war vom ersten schon nichts mehr zu sehen. Auf und davon waren dieser und die anderen auch bald. Der junge Bursche setzte sich auf einen grünen Hügel im Feld und überlegte, was er nun tun solle. Da fiel ihm das Pfeifchen der alten Frau ein, er nahm es schnell an den Mund und blies hinein. Und hui, alle hundert Hasen kamen angehoppelt und weideten um ihn herum.


Das wurde dem König und seiner Tochter gemeldet, die ja nun eigentlich nicht den Schäfer als Bräutigam wollten, war er doch arm und nicht von edlem Geblüt. Also überlegten der König und seine Tochter, wie sie es anstellen könnten, daß der Bursche am Abend nicht alle hundert Hasen zurück bringen würde.


Die Königstochter verkleidete sich und veränderte auch ihre Gesicht, dann ging sie wie zufällig an dem Hügel vorbei, auf dem der Schäfersbursche saß und die Hasen um ihn herum weideten. Dann fragte sie den Schäfer „ kann man einen von diesen Hasen hier kaufen?“ Der junge Mann hatte sie trotz der Verkleidung erkannt und antwortete ihr „nein, kaufen kann man keinen, aber abverdienen!“.
„Was meint Ihr damit“ fragte die Prinzessin. „Nun, ganz einfach“ sagte der Schäfer, „in dem Ihr Euch mir als Liebchen gebt und wir ein Schäferstündchen halten“.

Die Königstochter weigerte sich erst, aber da er keinen Hasen hergab, sie aber einen wollte, so gab sie doch nach und ließ sich von ihm küssen und liebkosen. Nachdem er eine Weile mit ihr seine Freude gehabt hatte, fing er ihr einen Hasen, tat ihn in ihr mitgebrachtes Körbchen und sie ging zufrieden wieder fort.


Aber kaum war sie so weit fort, daß sie ihn und er sie nicht mehr sehen konnte, nahm er sein Pfeifchen und blies darauf. Der Hase im Körbchen hörte dies, drückte den Deckel auf und hui, war er geschwind wieder beim Schäfer.
Gegen nachmittag kam auf einem Esel ein Mann daher, den der Schäfer trotz gänzlich anderer Kleidung als den König erkannte, es diesem aber nicht zeigte. Der Mann hatte zwei Körbe links und rechts am Esel hängen und fragte den jungen Burschen auch, ob er nicht einen Hasen kaufen könne.


Wieder war die Antwort: „verkauft wird keiner, aber verdienen kann man sich einen“.
„Wie soll ich das verstehen?“ fragte der als einfacher Mann verkleidete König den Schäfer. „Nun“, antwortete dieser lachend, „wenn Ihr Euren Esel unter dem Schwanz küßt, sollt Ihr einen Hasen bekommen“. Das wollte der König nun auf gar keinen Fall und er bot dem Schäfer viel Geld, ja, sogar einen ganzen Sack voll Geld an. Doch dieser lehnte alle Angebote ab und so blieb dem König nichts anderes übrig, als die Bedingung des Schäfers zu erfüllen. Er gab also seinem Esel einen tüchtigen Schmatz unter den Schwanz, der Schäfer fing einen Hasen, tat ihn in einen der Körbe und der König ritt zufrieden heim. Der Schäfer aber lachte heimlich und nahm bald sein Pfeifchen, blies hinein und im Nu war der Hase wieder bei ihm.


Der König mußte seiner Tochter daheim erzählen, daß er erfolglos gewesen war, was er jedoch hatte tun müssen verschwieg er geflissentlich. Seine Tochter gestand auch, daß sie es versucht hatte, doch auch sie verschwieg, womit sie für den Versuch „bezahlt“ hatte.


Am Abend dann kam der Schäfer wieder ins Schloß, alle Hasen folgten ihm bis zum Stall und nachdem der König sie gezählt hatte, mußte er einsehen, der Schäfer hatte die erste Aufgabe gelöst. Genau hundert Hasen waren in den Stall gehoppelt. Doch der König und seine Tochter hatten sich noch was Schwereres ausgedacht und so gaben sie dem jungen Burschen folgendes zu hören:
„Gut, die erste Aufgabe ist gelöst, jetzt kommt die zweite. Auf unserem Boden haben wir hundert Maß (alte Maßeinheit – in Bayern noch für's Bier = 1 Liter) Erbsen und hundert Maß Linsen ausschütten und gut durcheinander mischen lassen. Wenn es dir gelingt, sie in einer Nacht und ohne Licht wieder auseinander zu sortieren, dann ist die zweite Aufgabe gelöst“.

Der junge Schäfer sagte einfach „kann ich“, wurde sofort zum Boden geführt und die Tür fest verschlossen. Er wartete, bis es im Schloß ganz ruhig geworden war, nahm sein Pfeifchen dann raus und blies hinein. Da kamen unzählige Ameisen aus allen Ritzen gekrochen und wuselten herum und sortierten für ihn. Und am Morgen, als der König die Tür aufsperren ließ, lagen zwei große Haufen beieinander, einer nur aus Erbsen und der andere nur voller Linsen. Alles war bestens und der König fast verzweifelt, denn er konnte sich nicht erklären, wie der junge Schäfer das geschafft hatte – die Ameisen waren nämlich schon längst wieder verschwunden.

Nun blieb dem König nur noch die dritte Aufgabe und als solche hatte er folgendes sich einfallen lassen: „also, nachdem du nun diese Aufgabe gelöst hast, kommt jetzt die dritte und letzte. Ich habe eine große Kammer mit Brot füllen lassen und wenn du in der kommenden Nacht diese leer essen kannst, ohne daß ein Krümelchen übrig bleibt, dann sollst du meine Tochter haben“. Der junge Bursche war einverstanden und wurde abends zu der Kammer geführt, die so vollgestopft mit Brot war, daß grad noch ein Plätzchen zum Eintreten frei war.

Die Tür wurde zugesperrt und der junge Schäfer war allein. Er wartete wieder ab, bis alle im Schloß sich zur Ruhe begeben hatten und blies dann auf seinem Pfeifchen. Diesmal kamen Mäuse in solchen Mengen, daß dem Burschen bald selber unheimlich wurde. Aber die Mäuse fraßen und fraßen und am Morgen, als das erste Licht in die Kammer schien, war kein Krümelchen mehr zu sehen. Der Schäfer hämmerte gegen die Tür und rief, man solle ihm aufmachen, er hätte Hunger.

Damit war nun auch die dritte Aufgabe gelöst, dem König fiel aber noch eine kleine List ein und er sprach zu dem Burschen „du sollst meine Tochter bekommen, aber erzähl uns nur so zum Spaß noch einen Sack voll Lügen“. Der Schäfer war einverstanden und begann Lügen zu erzählen, daß sich die Balken bogen. Den ganzen Vormittag erzählte und erzählte er, aber der Sack wollte nicht voll werden. Da kam ihm ein Gedanke und die nächste Lüge begann er dann so „mit meiner Braut, der schönen Prinzessin, habe ich übrigens schon ein Schäferstündchen gehabt“.

Da wurde die Prinzessin feuerrot im Gesicht, ihr Vater sah es und obwohl der junge Bursche ja Lügen erzählen sollte, glaubte es der König, denn er konnte sich schon vorstellen wann das gewesen war. Doch er sagte erneut „der Sack ist noch nicht voll“. Da fing der Schäfer die nächste Lüge an mit den Worten „Und der König hat den Esel....“ In dem Augenblick rief der König „ der Sack ist voll, bindet ihn zu. Der Sack ist voll !“ denn keiner von seinem ganzen Gefolge sollte wissen, welche Ehre der Esel durch seinen königlichen Mund erhalten hatte. Und der König begann sich zu schämen bei der Erinnerung daran.

Es wurde dann eine prächtige Hochzeit gefeiert, die Königstochter und der junge Schäfer hatten viel Spaß und es heißt, sie sind auch sehr glücklich dann geworden.

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