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Der wandernde Stab
Eines Tages trat in die Wirtsstube einer einsam gelegenen
Herberge, in welcher eine Witwe mit ihrem vierzehnjährigen Sohn sowie
einem Knecht und einer Magd wohnte, ein Mann von ernstem Ansehen. Sein Gesicht
war fahl und grau wie Asche und sein Gewand braun wie frische Graberde. In
der Hand trug er einen Stab von festem, dunklem Holze. Diesen Stab stellte
er in eine Ecke der Stube, in der sich niemand befand ausser der Wirtin und
ihr Sohn, da die beiden Dienstboten draußen beschäftigt waren.
Der düstere Wanderer bestellte einen kleinen Imbiß
und die Wirtin ging, diesen zu holen. Der Wanderer blieb allein mit dem Knaben,
aber er beachtete diesen nicht, sondern trat an ein Fenster, das gegen Morgen
gerichtet war, und seufzte und stand lange daran und starrte hinaus über
die öde Fläche des Heidelandes.
Der Knabe betrachtete unterdes mit Neugier den Stab des
Fremden. Am Handgriff dieses Stabes war mit Silberstiften die Figur eines Kreuzes
eingeschlagen.
Diese Stifte glänzten gar hell, wie neu, und der Stock
reizte den Jungen. Seine Neugier wandelte sich bald in Habgier um; scheu blickte
er nach dem Fremden, der unbeweglich an dem Fenster stand, und scheu streckte
Jakob - so hieß der Bub - die Hand nach dem Stabe aus. Gleich
daneben stand eine alte, hohe Wanduhr mit braunem, geschnitzten Gehäuse.
Leise öffnete Jakob dessen Tür, leise faßte er den Stab. Wohl
zitterte seine Hand, als er ihn berührte, aber er nahm ihn, stellte ihn
in das Uhrgehäuse und schloß die Tür wieder.
Jetzt trat die Wirtin herein und brachte, was der Fremde
bestellt hatte. Hinter ihr schlüpfte Jakob aus der Stube. "So - hier
wäre es!" sagte die Wirtin zu ihrem einzigen Gast. "Gesegne
es Euch Gott! Setzt Euch doch!" Der Fremde neigte sein Haupt zum Zeichen
des Dankes, er nahm das Glas, netzte seine bleichen Lippen, aber er setzte
sich nicht. Der alten Frau kam ein Grauen an vor dem Manne.
Draußen begann schon die Abenddämmerung. Die
Wirtin wünschte zwar nicht, daß der Fremdling unter ihrem Dache
bliebe, dennoch fragte sie "Wollt Ihr hier übernachten? Schier ist's
Abend! Seid Ihr nicht müde, daß Ihr Euch nicht setzt!" - "Kann
nicht bleiben, muß weiter, muß wandern - wer fragt, ob ich müde
bin? Oh!" war die dumpfe Antwort.
Der Wirtin grauste noch mehr. Der Fremde legte ein Stück
Geld auf den Tisch - die Wirtin griff nicht danach. Jetzt ging jener nach der
Tür zu, faßte in die Ecke und fragte: "Wo ist mein Wanderstab?"
"Hattet Ihr einen Stab?" fragte die Wirtin
"Ich hatte einen Stab und stellte ihn in diese Ecke!"
antwortete der Mann mit hohler Stimme.
"Mein Gott! Wo könnte er denn hin sein?"
rief das erschrockene Weib. "Sucht ihn - vielleicht irrt Ihr Euch und
stelltet den Stock woanders hin?"
"Er ist fort, bringt aber der Hand dessen, der ihn
nahm, kein Glück!" sprach der unheimliche Fremdling dumpf und gepreßt.
"Genommen?" rief die Wirtin heftig. "Wer
sollte ihn genommen haben? Es ja niemand hier als Ihr und ich und" - da
stockte sie.
"Und Euer Sohn!" ergänzte der Fremde.
"Gott im Himmel!" schrie die Frau auf und lief
sogleich aus der Stube und rief, daß es durch das ganze Haus gellte:
"Jakob! Jakob!"
Jakob antwortete nicht; er hatte sich versteckt, denn er
wußte, weshalb ihn die Mutter rief, und fürchtete sich. Atemlos
kehrte diese zurück und sprach: "Ich höre und sehe nichts von
dem Jungen - ich weiß nicht, tat er's oder tat er's nicht. Doch wartet
nur noch einen Augenblick!"
Die Wirtin ging in die Kammer und kam gleich darauf mit
einem zwar alten, aber schönen Stabe zurück, den sie dem Fremden
reichte. "Da, nehmt einstweilen den Gehstock meines seligen Mannes, Ihr
sprecht doch wohl einmal wieder hier vor! Findet sich der Eure, so gebt Ihr
mir diesen dagen zurück."
"Ich dank' Euch, Wirtin!" sprach der fremde Mann
und ging. Es war schon sehr düster, Nebel schwebten über den Heidestrecken
und in sie hinein schritt der bleiche Wanderer.
Der Wirtin ward leichter um das Herz, als dieser unheimliche
Gast ihr Haus verlassen hatte. Sie nahm das von ihm zurückgelassene Geld
- es war eine uralte Silbermünze. Die Frau kannte weder Schrift noch Gepräge
- sie konnte nicht wissen, daß die Münze unter der Regierung des
Römerkaisers Tiberius geprägt worden war, desselben Kaisers, zu dessen
Zeit Christus in Jerusalem die Dornenkrone trug.
Leise ging jetzt die Tür auf, schüchtern drehte
Jakob sich in die Stube hinein. "Unglückssohn!" schrie ihm gleich
die Mutter entgegen. "Sprich, nahmst du des Fremden Stock?" Jakob
schwieg, halb aus Trotz und halb aus Angst vor seiner Mutter Zorn und ihrer
strengen Strafe. "Du schweigst - also nahmst du ihn, du gottvergessener
Bube!" schalt die Wirtin.
"Wo ist der Stock? Wohin schlepptest du ihn? Gleich
nimm ihn und spring damit dem Fremden nach, und laß dir von ihm deines
seligen Vaters Sonntagsstock wiedergeben, mit dem er in die Kirche ging und
den ich dem Fremden lieh, damit er nicht sage, daß er in meinem Hause
bestohlen worden sei, durch mein Kind bestohlen!"
Jakob war ein verstockter Knabe, er blieb stumm. Das geriet
sie in noch großeren Zorn, schlug ihn heftig und ließ ihn ohne
Abendbrot zu Bett gehen.
Am anderen Tage, als die Wirtin in der Küche beschäftigt
war, nahm Jakob den Stab heraus. Mit Wohlgefallen betrachtete er ihn und doch
auch mit Scheu, denn die Silberstifte funkelten gar so sonderbar und der Stab
war so eiskalt, wie eine starre Schlange, und dennoch war es, als lebe der
Stab.
Unwillkürlich zog es Jakob, mit diesem Stabe zu gehen,
und er ging mit ihm - und ging - und ging - weit, weit von hinnen - über
die Heide hin - längst sah er nicht mehr sein Vaterhaus. Rastlos regte
sich der Stab in Jakobs Hand - gegen seine Willen - und Schauer des Todes durchrieselten
den Knaben. Wohin, wohin führte, wohin zwang ihn der Stab? Wandern, wandern
mußte er fort und fort, nicht ruhen noch rasten konnte er, an keiner
Stelle, an keiner Quelle.
Endlich, als der Tag sich neigte, da stand in grauer Nebeldämmerung
schier gespenstig vor Jakobs Blick ein düsteres Gehöft, auf das er
zuschritt, und nun sah er ganz verwundert, daß er - zu Haus war.
Mit Schelten empfing ihn seine Mutter; sie hatte geglaubt,
er sei davon gelaufen, und hatte Knecht und Magd ausgesendet, ihn zu suchen.
Jakob aber war so müde, oh, so müde: er wankte auf sein Bett zu und
fiel halb ohnmächtig daruf nieder. Der Stab entsank seiner Hand, ohne
daß er es wahrnahm.
Eine Woche verging und der Stab stand im Gehäuse der
alten Wanduhr. Jakob entsann sich nicht, ihn wieder dort verborgen zu haben,
und er hütete sich wohl, ihn nochmals anzurühren. Doch sah er ihn
von Zeit zu Zeit an und Schauer überrieselten ihn bei seinem Anblick;
im Dunkel des braunen Uhrgehäuses leuchteten hell wie Diamanten die silbernen
Punkte in Kreuzesform.
Ein Freitag war's, gleich jenem Tage, an welchem Jakob den
Stab heimlich an sich genommen hatte, und siehe da, mit einemmal fühlte
Jakob den Stab wieder in seiner Hand und wieder mußte er wandern, rastlos,
ruhelos, bis am Himmel die Sternlein zu leuchten begannen. Da kam Jakob todmüde
wieder nach Hause, bleich im Gesicht, sprachlos. Und als er endlich redete,
so war es schaurig zu hören.
Durch Dörfer sei er gekommen, habe allen Leuten, die
ihm dort begegnet waren, gleich ansehen können, ob sie noch selben Jahres
sterben würden oder nicht; den Häusern habe er angesehen, daß
nächstens Feuerbrünste sie verzehren, den Fluren, daß der Hagel
sie treffen werde.
Jeden Freitag mußte nun Jakob wander - der Stab zwang
ihn - mußte sehen alles kommende Weh und Leid allerorten, wohin ihn der
Stab führte, und dann kündete er es daheim der Mutter.
Die Mutter sann endlich auf Rat, wie der Sohn sich des Stabes
entledigen solle, und er befolgte ihn. Auf einer der nächsten Wanderungen
trat Jakob in ein Gasthaus, stellte den Stab in eine Ecke, verzehrte etwas,
zahlte und ging hinweg ohne den Stab mitzunehmen. Doch er war noch nicht dreißig
Schritt gegangen, da kam ihm der Wirt nachgelaufen und schrie überlaut:
"Ho! Ho! Halt!" - und als er näher kam rief er : "Ihr habt
Euern Stock vergessen!" und warf Jakob den Stab nach, der alsbald von
selbst in dessen Hand legte.
Jakob stand am rauschenden Bach. "Ha, jetzt hab' ich's",
dachte er erfreut - schon flgo vom Steg der Stab in die rollende Flut. Es war,
als winde sich in dieser der Stab wie eine Schlange. "Der läuft mir
nun nicht wiedr nach!" sagte sich Jakob und kehrte erleichterten Herzens
heim.
Nicht lange aber war Jakob das Herz leicht, nicht länger,
bis er im Dunkel des Uhrgehäuses das Siebengestirn des Kreuzes unheimlich
blinken und funkeln sah.
Da hatte die Magd einen Rat. "Vernagelt doch den Rumpelkasten",
rief sie, "so ist der Not ein Ende. Ob die Uhr geht oder nicht, das ist
alles eins." Das war ein recht guter Rat, schade nur, daß er vergeblich
war. Als der nächste Freitag kam, war der Stab in Jakobs Hand, dieser
wußte gar nicht wie; aber er mußte wieder wandern - vom Morgen
bis zum Abend - und kam nach Hause, müder und elender denn je zuvor.
Velten, der kluge Knecht, schlug vor, den Stab in Stücke
zu zerschlagen. Auch dieser Rat wurde versucht, leider umsonst. In Stücke
zersprang nicht der Stab, sondern nur die Axt.
Wandern, wandern mußte er - jeden und jeden Freitag,
den Gott werden ließ - körperschwach, seelenkrank - wandern und
voraussehen alles Übermaß des menschlichen Elends, das sonst dem
Auge der Sterblichen sich wohltätig verbirgt.
Einst kam er in ein Dorf, wo ein gewaltiger Brand wütetet.
Haus um Haus ergriffen die Flammen, von einem Dache sprangen sie zum anderen.
Wieder durchblitzte ein Gedanke Jakobs Seele: In die Flammenlohe den Stab!
und da flog der Stab - blieb hängen an einem brennenden Dachsparren und
wurde rotglühend, dann weiß und die Silberstifte des Kreuzes flammten
bläulich. Jakob ging ohne Stab nach Hause. Da schnarrte die Wanduhr, da
ging ihre Tür von selbst auf, spottend der Nägel, mit denen sie zugeschlagen
war, - da stand der Stab - unversehrt!
Ohnmächtig fiel Jakob seiner Mutter in die Arme - er
war wie vernichtet - und sie sank mit ihm auf die Knie nieder und betete und
schrie jammernd zum Himmel.
Jakob mußte fort und fort wandern1 Weit aber konnte
er nicht mehr - seine Kraft war erschöpft, der matte Quell seines Lebens
begann zu versiegen. Zweiundfünfzigmal hatte Jakob wandern müssen,
ob er stand oder lag, es riß der Stab ihn von dannen: ob er die ganze
Woche über todesmatt kein Glied zu rühren vermochte - am Freitag
erfolgte die Wanderschaft.
Doch war der Stab barmherzig und führte ihn auf kürzeren
und immer kürzeren Wegen um das Vaterhaus.
Zuletzt war Jakob so sterbensmatt, daß er zu einem
Gang von einer Stunde einen vollen Tag brauchte. Er glich einem zitternden
Greise und die Farbe seines Angesichts glich der Asche. Jakob glaubte, daß
er bald sterben werde, und seine Mutter und alle, die ihn sahen, glaubten das
auch.
Da kam am Tage vor dem dreiundfünfzigsten Freitag ein
Traum über Jakob. Er sah ganz lebhaft, als ob es wirklich geschähe,
die Tür der alten Wanduhr aufgehen, den Stab heraus- und an das Bett treten,
darin er selbst lag. Dann begann der Stab zu sprechen.
"Jakob", sagte er, "ich bin ein sehr alter
Stab. Mit mir in seiner Hand ging der Erzvater, nach dessen Namen du genannt
bist, über den Jordan. Ich ruhte in Moses' Hand, da Moses mit Gott sprach,
und ward zur Schlange und wiederum zum Stabe. Ich ruhte in Aarons Hand und
ward wieder zur Schlange und verschlang die Schlangenstäbe der Zauberer
Pharaos. Wieder ward ich aufgehoben von Moses Hand und das Rote Meer teilte
sich unter mir. Zweimal schlug Moses mit mir an den Fels und es sprang Wasser
heraus und tränkte die verdurstenden Menschen und Tiere. Wessen Stab ich
aber jetzt bin, das kannst du, Knabe, nicht fassen. Du hast große Sünde
getan, daß du dem armen Wanderer seinen Stab und Stütze heimlich
entwendet hast; dafür hast du wandern müssen im finstern Talee und
hast kosten müssen des Lebens Bitterkeit. Aber fortan wird der Herr deine
Seele erquicken un dich führen auf rechter Straße, um seines Namens
willen. Des Herrn Stecken und Stab wird dich trösten!"
Als der Stab also gesprochen hatte, war es, als umwehten
Jakob Flügel der Engel. Er fühlte keine Ermüdung mehr, er schlummerte
ein und erwachte wie neugeboren. Da brach der Freitagmorgen an - es war ein
Karfreitag. Jakob glaube jeden Augenblick, er werde die Wanderng wieder beginnen
müssen, aber der Stab kam nicht in seine Hand.
Gegen Abend sprach Jakob sanft und fromm mit seiner Mutter
von erhabenen und göttlichen Dingen. Da ging die Tür auf und hoher
dunkler Wanderer trat ein und grüßte: "Friede sei mit euch!"
Schauer durchbebten Mutter und Sohn, beide erkannten den Wanderer.
Und da tat sich die Tür des Wanduhrschranks auf und
der Stab schwebte heraus und in des Fremdlings Hand. Hell durch die abendliche
Düsternis leuchtete das Kreuz am Stabe. Der Fremdling aber sprach noch
einmal: "Friede sei mit euch!" und wandte sich und ging. In die Seele
von Mutter und Sohn zog ein heiliger Friede: der Stab Wehe war wieder von ihnen
genommen.
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