Alte deutsche Maerchen 0009

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Das von mir schon mehrfach erwähnte zerfledderte Märchenbuch enthält noch etliche andere „Schätze“, hier wieder einer davon:



Die sieben Raben

Da auf der Welt immer wieder wundersame Dinge geschehen, hört die Geschichte von den sieben Buben, die einstmals eine arme Frau alle auf einmal geboren hatte. Die kleinen Büblein lebten alle und wuchsen auch immer mehr heran. Einige Jahre später bekamen sie sogar noch ein Schwesterchen und so war das Glück der armen, aber großen Familie vollkommen. Der Vater war ein gar fleißiger Handwerker und Leute, die einen Helfer brauchten, nahmen ihn gern zu Lohn. So kam genügend Geld ins Haus, um die ganze Familie zu ernähren, ja, die brave Hausfrau schaffte es sogar noch, ein bisschen Geld für Notfälle zur Seite zu legen.

Und dieser Fall trat schneller ein als gedacht. Eines Tages starb der fleißige Mann und bald war der Notgroschen aufgezehrt. Die arme Witwe arbeitete Tag und Nacht, aber soviel um alle Kinder satt zu bekommen und auch noch zu bekleiden, konnte sie kaum mehr schaffen. Denn wie Kinder es nun mal an sich haben, sie wuchsen und wuchsen, die Kleider wurden zu klein und immer aufs Neue mußte die Mutter schauen, wie sie den Kindern was zum Anziehen und auch zum Essen verschaffen konnte.

Dazu kam noch, daß die Buben immer ungehorsamer und wilder wurden. Weder gute Worte noch Strenge konnten die Jungen davon abhalten, immer böser zu werden. Die arme Mutter hatte sich nach besten Kräften bemüht, die Kinder gut und fromm aufwachsen zu lassen, aber bald war ihre Geduld zu Ende. Sie war so betrübt, daß alles nichts half, sodaß sie eines Tages ausrief: „ihr bösen Rabenjungen, ich wollte ihr wäret wirklich Raben und würdet fortfliegen, damit ich euch nie mehr sehen muß“. Kaum hatte sie das gerufen, als die sieben Buben sich in schwarze Raben verwandelten und fortflogen.

Mutter und Tochter lebten jetzt ruhig und in Frieden miteinander, auch das Geld reichte für beide. Sogar mehr, als sie brauchten. Und das Mädchen machte der Mutter nur Freude, wurde immer hübscher und blieb doch sittsam. Aber beide, Mutter und Tochter, bekamen mit der Zeit immer mehr Herzweh und Kummer um die verschwundenen Buben. Oft weinten beide und sagten „ach wenn sie doch wieder hier wären und brave Buben wären, wir könnten durch unsere Arbeit gut leben und zusammen wieder eine fröhliche Familie sein.“

Das Mädchen bekam solche Sehnsucht nach den Brüdern, daß es die Mutter bat, diese suchen zu dürfen. „Wenn ich sie finde und vielleicht zum Guten bringen kann, dann wären sie für dich Ehre und Freude im Alter, laß mich sie suchen gehen, liebe Mutter.“ Die Mutter war einverstanden, denn sie wußte, sie hatte eine gute Tochter und es wäre eine fromme Tat. „Gehe mein liebes Kind und Gott möge bei dir sein!“ Als Andenken gab sie dem Mädchen einen goldenen Ring, den es damals, als die Brüder verschwanden, getragen hatte.

Das Mädchen wanderte weit, weit fort in die Welt, aber sie fand keine Spur von den Brüdern. Doch eines Tages rastete sie an einem hohen Berg, wo ihr schien, ganz oben stände ein kleines Häuschen. Mal kam es ihr vor, als sähe es aus wie ein Nest aus Steinchen, mal wie ein kleine menschliche Behausung. Und grad als sie überlegte, ob vielleicht dort die Brüder wohnen könnten, sah das Mädchen sieben Raben aus dem Häuschen fliegen.

Froh wollte sie den Berg ersteigen, aber die Steine des Weges waren spiegelglatt und immer, wenn sie grad ein Stück geschafft hatte, rutschte sie aus und den ganzen Weg zurück. Sie versuchte es etliche Male, aber bald wußte sie nicht mehr, was sie noch versuchen könnte, sie kam einfach nicht hinauf. Da flog eine weiße Gans herbei und beim Anblick der Flügel kam dem Mädchen ein Gedanke. Sie fing das Tier, tötete es und schnitt die langen Flügel ab, auch die Füße. Dann nähte sie sich die Flügel an die Jackenärmel, band die Gänsefüße an ihre Beine und versuchte den Aufstieg auf's Neue.

Und siehe da, mit Hilfe der Flügel ging es jetzt ganz leicht aufwärts, denn es war fast wie ein Fliegen. Wenn ihre Arme dann müde wurden vom Schlagen mit den Schwingen, dann lief das Mädchen auf den Gänsefüßen weiter und so erreichte sie endlich den Gipfel und das kleine Häuschen. Es war wirklich winzig, aber dennoch waren darin sieben kleine Tischen, Stühlchen, Bettchen und sogar sieben kleine Fensterchen. Und in dem Ofen in dem Stübchen lagen sieben kleine Tellerchen, jedes mit einem gebratene Vögelchen und gekochten Vogelei.

Die gute Schwester war nun von der langen Reise und dem beschwerlichen Aufstieg arg hungrig und müde. So nahm sie von jedem Tellerchen einen Bissen, dann legte sie sich in jedes Bettchen und im letzten blieb sie dann liegen und schlief ein. Nach einer Weile kamen die sieben Raben zurück, jeder durch sein eigenes Fenster. Als sie die Teller aus dem Ofen nahmen, fiel ihnen schon auf, daß überall ein Bröcklein fehlte. Dann sahen sie, daß die Bettlein alle etwas verrückt waren und einer der Brüder rief erschrocken: „in meinem Bett liegt ein Mädchen!“

Alle sieben versammelten sich um das Bettlein und sprachen zu sich „ach, wenn es doch nur unser Schwesterlein wäre!“ Und dann fiel ihnen das Ringlein auf, daß die Mutter dem Mädchen mitgegeben hatte. „Schaut, so ein Ringlein trug unser Schwesterlein am größten Finger damals, als sie klein war, jetzt paßt er nur noch auf den kleinsten Finger. Und die Haare sahen auch so aus und so einen lieben Mund hatte das Schwesterchen auch, sie ist es ! Sie ist es !“ Alle jubelten und küßten sie, aber sie war so müde, daß sie es gar nicht bemerkte.


Doch nach einer Zeit wurde das Mädchen doch wach und sah die sieben schwarzen Brüder um das Bettlein herum sitzen. Da sprach es: „ich freue mich, euch alle wieder zu sehen, liebe Brüder. Ich danke dem lieben Gott, daß er mir den Weg gezeigt hat und die lange Reise mit mir war. Wenn ihr wieder lieb sein wollt und die Mutter nicht mehr ärgert, dann möchte ich euch aus dieser Verbannung holen. Wir könnten dann alle zusammen fleißig arbeiten und unserer lieben Mutter eine Stütze und Ehre im Alter sein.“

Ihre Brüder hatten schon bei den ersten Worten der Schwester bitterlich zu weinen begonnen und antworteten: „ja, liebes Schwesterlein, wir wollen nie mehr böse sein und die Mutter ärgern. Das Leben als Raben war mehr als jämmerlich und oft wären wir bald vor Hunger gestorben. Und Tag und Nacht hatten wir das Ende der Sünder vor Augen, denn wir mußten von den Leichen der gestorbenen Armensünder fressen um zu überleben.“

Ihre Schwester weinte auch vor lauter Freude, daß die Brüder so arge Reue zeigten. „Dann wird alles wieder gut“, rief sie, „wenn die Mutter hört, daß ihr wieder gut geworden seid und auch bleiben wollt, dann kommt mit heim. Die Mutter wird euch verzeihen und wieder zu Menschen machen.“ Die sieben Raben waren froh das zu hören und machten sich bereit zur Heimreise.

Aber vorher holten sie noch ein hölzernes Kästlein, in dem sich viele glänzende Dinge befanden. „Schau liebes Schwesterlein, diese goldenen Ringe und blitzende Steine fanden wir nach und nach auf unseren Rundflügen. Es war der Glanz, der uns als Raben verlockte, sie zu sammeln. Nimm die Sachen in deine Schürze und nimm sie mit, als Menschen können sie uns reich machen.“ Das Mädchen nahm die Schmuckstücke, wie die Brüder es wollten und hatte selber auch am Glanz ihre Freude.

Nun ging es auf die Heimreise und diese ging erheblich schneller zustatten als die lange Suche des Mädchens. Denn jeder Bruder nahm, einer nach dem anderen, das Mädchen auf seine Flügel und trug sie eine große Strecke des Weges, bis sie alle am Häuschen der Mutter angelangt waren. Dort flogen sie alle zum Fenster und baten die Mutter weinend um Verzeihung. Sie versprachen von nun an liebe Kinder zu sein und auch ihre Schwester bat für sie herzlich. Die Mutter war voller Freude und verzieh ihren Buben und siehe da, sie bekamen wieder menschliche Gestalt. Doch waren sie keine Buben mehr, sondern große stattliche junge Männer und alle dankten der Mutter und Schwester von Herzen.

Die mitgebrachten Ringe und glitzernden Steinchen brachten den Brüdern viel Geld ein beim Verkauf und so bauten sie ein schönes großes Haus für alle. Die Einweihung war dann verbunden mit einer siebenfachen Hochzeit, denn jeder der Brüder hatte eine liebe anständige Frau gefunden. Auch die Schwester fand bald einen braven Mann und heiratete diesen. Doch fortziehen durfte sie nicht, die Brüder baten und flehten so innig, daß auch dieses Paar im Haus blieb. Und alle waren eine große Freude für die alte Mutter, die bis an ihr spätes Ende von ihren Kindern liebevoll versorgt und gepflegt wurde.

Ich habe so eine vage Erinnerung, könnte auch ein Bechstein Märchen sein.

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