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Aus einem alten kleinen Büchlein der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin (ehemals DDR) von 1953, betitelt „Zacharias Schnorr und andere Erzählungen – Gertrud Busch“ habe ich ein Märchen entnommen, bei dem mir mit knapp 60 Jährchen doch noch die Tränen kamen

damit andere, die auch schöne Geschichten mögen, aber vielleicht dieses Büchlein nicht mehr auf dem Markt finden können, es auch hören – hier die Geschichte



Das kleine Mädchen und der Schnitter

Der Bauerndoktor fuhr sich mit der Hand über den graustoppelligen Kopf. Ja, so war das nun. Ehe es nicht zum Ende ging oder der Schmerz sie so schreien ließ, daß es die ganze Umgebung nicht mehr aushielt, wurde er einfach nicht geholt. Was Wunder, daß dann der Tod meist am Kopfende des Bettes stand, wie im Märchen, und er als Arzt nur noch zu sanftem Sterben statt zu trotzigem Aufstehen helfen konnte.

Ganz so schlimm war es hier nicht, glücklicherweise, wenn auch ernst genug. Er blickte auf die kranke Frau. Arme Leute haben nicht Zeit zum Kranksein, bis der Körper den Gehorsam aufsagt, weil alle seine Mahnungen und stummen Bitten überhört wurden. Auch diese hier hatte widerstanden bis zum Äußersten. Es war wohl zu sehen, wie sie ihr bißchen Armut reinlich und ordentlich bis zuletzt gehalten hatte und auch, daß die Kinderhände, die das fallen gelassene Werk aufgenommen hatten, mit allem Eifer und aller Mühe es nicht bewältigen konnten. Wie ersetzt sich eine solch tätige Mutterhand?

Der Doktor hatte ein Rezept geschrieben und fächelte es hin un her, damit es trocken wurde. „Wer von euch ist die Älteste?“ fragte er die Kinder, die scheu aufeinander hockten. Ein schmales Dirnlein trat vor, das weiche Kindergesicht, in dem sehr große Augen standen, trug ein schmales Hälschen, die Zöpfe standen stramm, so fest waren sie geflochten.

„Du?“ fragte der Doktor un das kleine Persönchen errötete über diesen Zweifel an seiner Würde, die großen Augen blickten ernsthaft-hausmütterlich. Der Doktor gab seine Weisungen und das Rezept, das heute noch besorgt werden sollte. Ja, heute noch. Gewiß habe jemand aus dem Dorf in der Stadt zu tun und würde ihre den Weg abnehmen. Beim Fortgehen fiel dem Doktor noch was ein. „Hast du auch Geld?“ fragte er.

Das Kind stürzte eilfertig auf den Tisch zu, zog die Schublade heraus und brachte eine Pappschachtel hervor, in der Kupfer- und Messinggeld klapperte. „Das wird wohl nicht langen“, meinte der Doktor nachdenklich, zog seine Geldtasche und holte ein Silberstück hervor. „Da, mein Kind, und gib gut acht, daß du es nicht verlierst!“

Ganz betimmt war es nicht Unfreundlichkeit von den Leuten, daß sie dem kleinen Mädchen die Bitte abschlugen, ganz bestimmt nicht. Es fiel nur jedem bei dem Gedanken, den unerwarteten Weg in die Stadt zu machen, irgendeine Arbeit ein, die schon längst erledigt sein sollte und nun ausgerechnet an diesem sich machen ließ. Jeder hätte gern der Kranken die Arznei geholt, es traf sich eben gerade so schlecht.

Von Haus zu Haus ging das kleine Mädchen und brachte seine Bitte immer schüchterner vor, so daß es ein leichtes war, sie abzuschlagen. Endlich, als es merkte, daß es niemanden finden würde, eilte es wieder nach Haus, schüttelte der Mutter noch mal die Kissen auf, gab den kleinen Geschwistern zu essen, löschte vorsichtshalber das Feuer im Küchenherd aus, und nachdem es das zweitälteste Schwesterchen ermahnt hatte mit all den guten Worten, die ihm die Mutter sonst beim Abschied zu sagen pflegte, machte es sich selbst auf den Weg.

Heiß brannnte die Nachmittagssonne über den Koppeln, aber bei der großen Buche tauchte der Weg in den Wald hinein, dessen sanfte Schatten wie kühle Hände streichelten. Dazu duftete es so herrlich nach frischem Kraut, nach heimlichen Blumen und feuchter Erde, daß das kleine Mädchen sich reckte und größere Schritte nahm und nichts mehr von Müdigkeit empfand.

Eine Weile war es so gegangen, da bemerkte es an einer Stelle, wo der Weg sich wie ein Platz breitete, einen Burschen. Das kleine Mädchen fürchtete sich nicht, im Hellen und im Dunkeln war es tapfer manch einsamen Weg gegangen, aber es erschrak doch ein wenig, als es im Näherkommen den Burschen erkannte, der dort hockte.

Es war eben der, dem es von allen Menschen am unliebsten begegnete, der rothaarige Müllerssohn, den den kleinen Mädchen den Schulweg versperrte und sie vor die Wahl stellte, kleine glitschige Fröschlein in den Mund zu nehmen oder sich prügeln zu lassen – und man spürte es lange, wohin er geschlagen hatte. Er besaß eine heimtückische Geschicklichkeit, die Kinder in der Frühstückspause zu stoßen, so daß ihnen die Brote in den Schmutz fielen, und wehe dem, das sich etwa beim Lehrer beklagt hätte! Wo er ein Tier quälen konnte, tat er's, und war ein Wurf junger Katzen zu ersäufen, so fand sich der rote Müllerfranz sicher dazu ein.

Jetzt schien er so beschäftigt, daß er das kleine Mädchen gar nicht bemerkte, und dies glaubte schon, es käme glücklich vorüber, da knackte ein verdorrter Ast unter seinem Fuß, und der Junge blickte auf. „Du, wilst du was Feines sehen, so komm mal her!“ rief er. Doch das kleine Mädchen warf nur einen ängstlichen Blick hinüber und lief weiter. Aber nicht lang, denn er einzige kurze Blick hatte genügt, die Kleine zu beunruhigen.

Gewiß tat der Müllersjunge wieder etwas Böses, quälte ein armes Tier, und sie ging einfach weiter und ließ es quälen. Aber sie mußte ja weiter, schnell weiter in die Stadt. Doch sie kam nicht mehr recht vom Fleck, die Schritte wurden zögernder, und plötzlich machte sie kehrt und lief zu dem Gefürchteten. „Ich wußte, daß du doch kommen würdest“, grinste er, „alle Mädeln sind neugierig. Da, sieh“ - und er wies auf seine Jagdstrecke am Boden.

Da lagen eine Menge Käfer. Etliche krabbelten auf vier Beinen, etliche suchten mit zweien ein mühseliges Gleichgewicht zu erhalten, und andere wieder, völlig beinlos, bewegten hilfesuchend die Fühler. Dem kleinen Mädchen stieg ein zorniges Rot ins Gesicht. „Pfui!“ sagte sie, „pfui!“ und ihre Stimme bebte vor Entrüstung.

Der Junge lachte befriedigt und nahm aus einer Schachtel eine große Spinne, die er gefangen hatte. „Was meinst du dazu?“ fragte er das kleine Mädchen, „wieviel Beine werde ich ihr ausreißen?“ - „Gar keins!“ rief das Kind ergrimmt und schlug ihm auf die Hand, daß er überrascht die Spinne fahren ließ, die sich eilig in Sicherheit brachte. Aber nur einen Augenblick dauerte die Verblüffung, dann wandte er sich gegen die Kleine.

„Balg!“ funkelte er sie wütend an, daß sie erschrak und jäh davonstob. Der Müllersjunge hatte lange Beine, aber die Angst trieb das Kind so schnell dahin, daß er es nicht einzuholen vermochte. Und als er gar in seiner blinden Verfolgungswut über ein Hindernis im Weg lang hinschlug, was nicht ohne Schmerzen blieb, da gab er die Verfolgung der Flüchtenden auf und begnügte sich damit, ihr die bösesten Schimpfworte, deren er habhaft wurde nachzurufen und grausliche Drohungen.

Das kleine Mädchen aber, als es seinem Verfolger entkommen war, sank erschöpft am Weg nieder, denn nur die Angst hatte die versagenden Kräfte gehalten. Das Herz ging so laut und hart wie ein Hammer, und der Atem wollte gar nicht mehr wiederkehren. Die Kleine war wenig zufrieden mit sich. „So dumm, auszureißen“, dachte sie, „tot hätte er mich doch nicht schlagen dürfen.“ Freilich war sie ein gutes Stück vorwärts gekommen auf dem Wege, aber der war noch lang und wollte auch noch ein zweites Mal gemacht werden, heimwärts. Da mußte man besser haushalten mit seinen Kräften. Sie aßen ja auch nicht das Brot für eine Woche an einem Tage auf, sondern teilten es hübsch ein.

Wie sie sich so umsah, bemerkte sie das Schlimmste – sehr fremd sah hier alles aus – war sie wohl gar in ihrer Angst am rechten Abzweig vorbeigerannt? Oder täuschte sie sich nur? Sie erhob sich und ging ein wenig weiter, aber alles blieb fremd. So entschloß sie sich schweren Herzens zur Rückkehr. Die Waldstraße wollte kein Ende nehmen, rechts und links stand Baum an Baum in tiefen Reihen, die sich im Dunkel verloren. Es war dem kleinen Mädchen, als fände es sich niemals wieder heraus, indes sie zu Haus auf sie warteten und auf die Arznei. Der Gedanke daran gab ihm eine verzweifelte Kraft und bannte die Angst, die schon lange Krallenarme lähmend aus dem Walddunkel nach ihr streckte.

Endlich zeigte sich ein Weg und ein Weiser. Das kleine Mädchen hätte das halbverwitterte Holzschild am liebsten geküßt, so glücklich war es, als es dies sah. Und nun lief sich's gleich noch einmal so gut, und der Wald sah gar nicht mehr so unheimlich aus, sondern schön heimatlich und vertraut. Da war der bekannte Fichtenhain, da die feuchten Wiesen, der Buchenhang – und dann, dann hatte der Wald wirklich ein Ende, und die Häuser der kleinen Stadt glänzten im späten Sonnenschein.

„Setz dich hin, mein Kind“, sagte der Apotheker, dem so unheimliche Schmarren* über die Wange liefen, „das muß erst angefertigt werden.“ Und das kleine Mädchen setzte sich gehorsam in einen Winkel.


(
* Anmerkung: die Studierten hatten früher Schmisse im Gesicht vom Fechten auf dem Paukboden)


Ein Weilchen noch sah es die Leute aus- und eingehen, dann war es plötzlich auf dem Heimweg, und da stand der Müllerfranz mitten im Wege. Er wurde größer und größer, je näher sie kam, sein brandrotes Haar glomm in kleinen Flämmchen über dem fahlen Gesicht. Er bückte sich nieder zu ihr und sagte: „Wieviel Beine reiße ich nun dir aus?“ Und wie sie zitternd stand und keinen Ton hervorbrachte, da riß er ihr die kostbare Arznei aus der Hand, setzte die Flasche an den Mund und begann zu trinken. Sie kämpfte verzweifelt gegen die furchtbare Lähmung, die auf ihr lag, und endlich, endlich kam der erlösende Schrei – laut.

Weg war der Müllersfranz, weg der Wald, aus der Arzneiflasche aber waren viele geworden, blinkende Flaschen und Gläser, die da standen, und das kleine Mädchen merkte, daß es noch immer in der Apotheke saß.

„Bist wohl eingeschlafen?“ fragte der lange Apotheker und legte sich über den Ladentisch. „Hast geträumt vom Wolf, der dich fressen wollte? Na, schon gut, hast dich in Erinnerung gebracht. So ein kleines Mädelchen, das sieht man ja kaum. Hier ist die Arznei. Und weißt du auch, wie sie eingenommen werden muß?“ Schlaf und Schreck im Traum lagen ihr noch auf den Gliedern, aber die Anweisung des Arztes hatte sie wie eine Schulaufgabe vermerkt und sagte sie treulich gleich einer solchen her.

„Recht“, lobte der Apotheker, und dann langte er in eine Büchse und brachte ein herrlich eingewickeltes Bonbon hervor, das er ihr in die Hand gab, „da hast du etwas auf den Weg, und nun spute dich, kleines Fräulein!“ Sie knixte artig und machte sich, die Flasche fest gefaßt, auf den Heimweg.

Bald blieben die Häuser hinter ihr, und der Wald nahm sie wieder auf. Hier war es schon dämmrig, als sei die Sonne draußen im Städtchen geblieben. Es half nichts, daß die Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnten, das kleine Mädchen merkte doch, daß es dunkler und dunkler wurde. Auch merkte es, daß ihm die Füße immer schwerer wurden und es gar nicht mehr so schnell vorwärts kam. Es war jetzt noch viel stiller im Wald als am Nachmittage. Wenn ein Ast knackte, so klang das so seltsam und unheimlich. Bisweilen seufzte es im Gelaub, bisweilen stöhnte es im Gehölz, und das kleine Mädchen sagte alle seine Gebete her, da wurde ihm etwas zuversichtlicher zumute.

Auf einmal merkte die Kleine, daß jemand vor ihr ging. Zuerst war die Gestalt sehr ungewiß und verfloß immer wieder im Dunkel, aber dann vernahm sie doch deutlich Schritte. Freilich klagen diese nicht so fest und sicher wie bei den Männern vom Dorf, sondern klapperten so wunderlich hohl und leicht, als liefen die Stiefel für sich allein.

Inzwischen war der Mond aufgegangen und warf einen blassen Schein ins Dunkel. Matt spiegelte er sich auf dem Blatt einer Sense, die der Voranschreitende über der Schulter trug. Also war es doch ein Bauer, und das kleine Mädchen überlegte, wer vom Dorf es wohl sein könnte, der hier zu so später Stunde noch mit der Sense unterwegs war. Es beschleunigte seine Schritte , und als es den Mann erreichte, sagte es höflich „Guten Abend“ und fragte, ob er auch nach ihrem Dorfe ginge.

Der Angesprochene wandte sich zu der Kleinen mit einer Gebärde, die Erstaunen auszudrücken schien, und nickte stumm, ohne im Schreiten innezuhalten. Sie hätte gern sein Gesicht gesehen, doch der breitkrämpige Hut verschattete es so tief, daß sie es nicht erkennen konnte, aber daß es ein unbekanntes war, fühlte sie wohl und dachte angestrengt darüber nach, was ein Fremder wohl bei ihnen im Dorf wollte.

Doch die Gewißheit, nicht mehr so allein weitergehen zu müssen, verdrängte alle Grübeleien, und bescheiden fragte sie: „Erlaubst du, daß ich mit dir gehe?“.

Diesmal blieb der Fremde stehen, und obwohl sie seine Augen nicht sah, fühlte sie doch deren Blick in namenloser Verwunderung auf sich ruhen. Mit einer ganz unwirklichen Stimme, wie sie das kleine Mädchen noch niemals gehört hatte, fragte er: „Du willst mit mir gehen? Hast du denn keine Furcht?“.

„Wenn wir zu zweien sind“, antwortete das Kind mit seiner hellen Stimme, „brauche ich mich doch nicht zu fürchten.“


„Es ist noch niemand, der gesund und froh, aus freien Stücken mit mir gegangen“, sprach der Fremde.


„Ich bin gar nicht so froh“, sagte das kleine Mädchen, „unsere Mutter ist sehr krank, doch nun habe ich die Arznei, die wird sie gesund machen. Aber warum wollen denn die anderen nicht mit dir gehen? Du bist doch nicht böse, wie der Müllerfranz?“
„Nein“, erwiderte der Fremde mit seiner unwirklichen Stimme, „das bin ich nicht.“

Sie gingen nun beide nebeneinander her, und das kleine Mädchen mühte sich, mit dem Manne Schritt zu hatlen. Aber allmählich ward das Mitkommen immer schwerer. Das haschte es nach der Hand des Fremden, die bleich und schmal aus dem Mantel hervorsah. Als es sie mit den Fingern umklammerte, war dem Kind, als habe es niemals eine so knochendürre Hand gefühlt wie diese. Aber es hielt sich doch tapfer fest, um bald heimzukommen und der Mutter die Arznei zu geben. Allein auch so ging es nur eine Weile, dann verließen es die Kräfte.

„Wollen wir uns nicht ein wenig ausruhen?“ fragte das Kind zaghaft. „Bist du müde?“ sagte der Fremde. „O ja“, seufzte das kleine Mädchen auf, „du nicht auch?“ „Nein“, erwiderte er, „aber ich raste mit dir.“

Der Waldboden bildete eine natürliche Bank, auf der sich die beiden niederließen, das kleine Mädchen dicht an den Fremden gerückt, als fürchtete es, ihn zu verlieren, und die Arzneiflasche sorglich ins Schürzchen gewickelt.

Es tat so gut, einmal still zu sitzen. Zwar zitterten die Beine noch ein wenig von dem weiten Gang, aber sie brauchten sich jetzt doch nicht mehr zu beugen und zu strecken zu beschwerlichem Schritt. Das Kind schloß die Augen, nur ein wenig, weil es so mühsam war, die Lider offen zu halten, die immer sinken wollten – da verschwanden Wald und Weg und selbst der Fremde neben ihm, und das kleine Mädchen schlief ein.

Es erwachte davon, daß es einen leisen wohlbekannten Ton vernahm, der nach Ernte klang – ja, da saß der Fremde und schärfte seine Sense. „Warum dengelst du denn deine Sense?“ fragte das Kind in schlaftrunkener Verwunderung. „Weil ich ernten gehe,“ antwortete der Mann. „Jetzt?“ fragte das Mädchen ungläubig, „du willst mich anführen. Kein Bauer erntet, bevor das Korn reif ist.“
„Meine Saat“, entgegnete der Fremde, „ist immer reif.“

„Auch in unserem Dorf?“ - „Auch in eurem Dorf,“ bestätigte er. „Aber warum dengelst du jetzt, zur Schlafenszeit?“ - „Weil ich früh an mein Werk gehen muß. Und ich schlafe nie.“
„Niemals?“ fragte das Kind immer erstaunter, „so etwas gibt es doch nicht!“ - „Doch“, meinte der Fremde.

Ob er denn nicht schlafen möchte, fragte das kleine Mädchen. Der Fremde schien in Nachsinnen zu versinken. Wohl, sagte er mit seiner klanglosen Stimme, es müsse schön sein, einmal so ganz selbstvergessen zu schlummern, aber er könne es eben nicht.

„Du hast wohl keine Mutter, die dir etwas vorsingt, wenn du nicht schlafen kannst?“ fragte das kleine Mädchen mitleidig. „Weißt du was“, fuhr es fort und wurde ganz munter vor Eifer, „ich werde dir alle Lieder von Mutter vorsingen, mit denen sie die Geschwister zum Schlafen bringt. Eines davon wird dir schon helfen.“ und ohne eine Antwort abzuwarten, begann sie mit ihrem hellen, feinen Stimmchen zu singen, das wie ein kleiner silberner Stern mitten in der dunklen Nacht stand.

Der Mann rührte sich nicht, als sei er ein Bildnis, aus Stein gehauen. Endlich aber lösten sich die Hände und sanken schlaff hernieder, der Rücken krümmte sich, das Haupt fiel nach vorn. Das kleine Mädchen sang und sang. Die Schatten der Nacht begannen zu weichen, silbrige Dämmerung füllte den Wald. Noch immer verharrte der Fremde regungslos. Der breite Hut war ihm langsam in den Nacken gerutscht, und wie sich das Knd jetzt vorbeugte, zu sehen, ob er noch schlafe, da erblickte es das unverschattete, vom Morgen angeglänzte Gesicht seines Begleiters und erkannte mit einem Schrecken sondergleichen, daß es niemand anderes als der Tod war, neben dem es da saß. Entsetzensgelähmt vermochte es nicht nicht zu rgen, nicht zu schreiben, aber die Gedanken blieben beweglich und schossen hinter der klaren kleinen Stirn hin und her wie ein Weberschiffchen.

Der Tod wollte in ihr liebes Dorf. Aber zu wem? Wer war so alt, daß er sterben mußte? Die alten Leute daheim, die waren alle so gesund und frisch, daß der Tod sie unmöglich holen konnte. Oder war jemand so krank? Nein, da war auch niemand – außer – hier stockten auf einmal die flinken Gedanken, und ein unaussprechliches Entsetzen erfüllte das kleine Mädchen: ihre Mutter.

Da rannen ihr die Tränen schwer und heiß aus den Augen und tropften schneller und schneller wie ein beginnender Gewitterregen. Etliche fielen auf die kalte Hand des Todes, da zuckte dieser zusammen und fuhr empor aus seinem Schlaf. „Was ist das?“ fragte er, aber das kleine Mädchen antwortete nicht, sondern weinte nur still und unaufhaltsam weiter.

„Ich glaube, ich habe geschlafen“, fuhr der Mann traumhaft fort, „zum ersten Male, seit ich durch die Welt gehe, geschlafen von deinen Liedern, kleines Mädchen. Wie soll ich dir danken, Kind?“

Da fand dies mit einem Mal seine Sprache wieder und rief aufschluchzend: „Geh nicht in unser Dorf, verschone es! Verschone meine Mutter!“ und die beiden kleinen Kinderhände umklammerten die harten Knochenfinger.
„Du weißt, wer ich bin?“ fragte der Tod.
„Ich weiß“, antwortete das Mädchen, „und weiß auch, wo du ernten willst, geh vorüber, ich bitte dich!“
„Ich kann dir deinen Wunsch nicht erfüllen“, sagte der Tod, „ich habe die Sense schon geschärft, und sie muß an Lebendiges rühren, ehe sie wieder ruhen kann und darf.“
Das Kind griff mit den Händen nach dem blinkenden Metall, aber der Tod riß die Sense schnell fort.

„Du weißt nicht, was du tun willst“, sagte er streng. „Sieh her, wie alles Lebende die Schärfe meiner Sense kennt und meidet!“ Damit nahm er die Sense und stieß ihren Schaft tief in den Boden, daß sie stand wie ein unheimlicher Wegweiser. Und siehe, die nahen Zweige der Bäume bewegten sich erschrocken zur Seite, mit bangem Flügelflattern entwichen die Vögel aus dem Schutz des Gezweigs. In der aufkeimenden Helle des jungen Tages blitzte das blanke geschweifte Metallblatt kalt und drohend. Die Ameisen, die ihre Straße zogen, bogen plötzlich wie vor unsichtbarem Hindernis ab, die Moose duckten sich platt auf den Boden.

„Siehst du“, sagte der Tod, „sie kennen meine Sense, und du wolltest die tödliche Schneide berühren! Aber du hast mir wohlgetan, darum will ich dir auch wieder Gutes erweisen: wenn bis zum ersten Sonnenstrahl, der sich auf dem Sensenblatt spiegelt, ein Lebendiges gewagt hat, die Schneide zu berühren, dann will ich umkehren auf meinem Weg und die Ernte nicht halten, zu der ich ausgegangen.“

Das kleine Mädchen faltete die Hände und bat Gott, er möge doch einen kleinen bunten Schmetterling schicken oder auch ein goldenes Bienchen, daß es sich auf dem Sensenblatt niederlasse, oder den wilden Hopfen emportreiben, daß er sich grün darumranke. Doch es geschah nichts dergleichen, im Gegenteil, der leere Platz um die Sense vergrößterte sich zusehends, und selbst aus den entfernten Bäumen hatte sich alles Getier leise zurückgezogen. Das kleine Mädchen hörte das eigene Herz ganz laut und deutlich klopfen, so still war es ringsum geworden.

Schon brannte ein rötlicher Himmelsschein sonneverkündend zwischen den Wipfeln, da lief langbeinig und eilig eine große Spinne daher. Sie lief, stockte, lief von neuem und war nun tief in dem toten Kreise, der die Sense umgab. Die nachtdunklen Augen des Todes und die verweinten des Kindes blickten gleichermaßen auf das Tier, das mutig weiterlief, zwar sichtlich so, als kämpfe es gegen etwas, das es zurücktreiben wolle, an, aber doch vorwärts bis an den langen Holzstiel der Sense.

Da zögerte es auf neue, doch nicht lang, und schon klomm es eilig daran empor, verharrte prüfend und lief dann mit plötzlichem Entschluß über den gebogenen Sensenrücken bis zur Spitze, glitt an einem langen Faden nieder, der schaukelnd gegen den Stiel zurücktrieb, w er eiligst befestigt wurde.
Und während die Strahlen der aufsteigenden Sonne goldene Lichtfäden ins Dämmern des Waldes stickten und die Helle immer heiterer aufglänzte, webte die Spinne unermüdlich an ihrem Netz, zog Faden um Faden, bis das zierliche Werk vollendet war. Das betrachtete sie es mit geneigtem Köpfchen, als wolle sie es noch einmal überprüfen, dann fiel sie an einem Faden schnell zu Boden und war bald zwischen Lauf und Kraut verschwunden
.


Das kleine Mädchen sah auf den Tod und hielt den Blick der brunnentiefen Augen, in deren Grund es seltsam gloste, tapfer aus.


„Wer bist du“, fragte der Tod, „daß du solche Helfer hast?“


„Ich bin Mutters Kind“, sagte das kleine Mädchen, „aber glaubst du nicht, daß diese Spinne von Gott kam?“

Da zog der Tod die Sense aus der Erde und schulterte sie aufs neue, aber sorgfältig so, daß er das Netzt nicht zerstöre, wandte sich zurück und verlor sich tiefer und tiefer im Walde. Bald war er nicht mehr zu sehen. Das kleine Mädchen faltete die Hände um die Flasche mit der Arznei, und die Worte überstürzten sich in seinem Herzen, so daß sie sich nicht zu einem richtigen Satz, geschweige denn einem Gebet formen ließen. Aber Gott versteht die ungesprochenen Worte, und sie mögen ihm werter sein als manche behende Rede.

Von süßer Zuversicht erfüllt, schritt das Kind aus und erreichte bald das Heimatdorf. Aus der Esse des kleinen Hauses, in dem sie wohnten, stieg Rauch auf, aber ganz manierlich und gebändigt, als koche da eine umsichtige Hausfrau. Und siehe, als es eintrat, stand die Nachbarin am herd und schaffte ein gutes Morgenessen.


„Da bist du ja!“ rief sie erleichtert aus, als sie das kleine Mädchen erblickte, „ich wollte dir gestern noch den Weg abnehmen, aber da warst du schon fort. Da habe ich mich ein bißchen um die Klinen gekümmert und um deine Mutter auch. - Es ging gar nicht gut die Nacht“, setzte sie mit leiser Stimme hinzu.


„Ich weiß“, sagte das Kind ernsthaft, „aber nun wird Mutter wieder gesund“, ging hinein in die Schlafkammer, entkorkte die Flasche und ließ die Tropfen auf den Löffel fallen. Dabei zählte sie achtsam, daß es ihrer nicht zu viel wurden und nicht zu wenig.

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