Aus Bayerns Sagenschatz 004

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Das ist nun Seite 5 meiner bayerischen Sagen-Abteilung fuer alle Besucher und Freunde unserer Bayern-Reise, aber natürlich auch für alle Bayern selber.

Alte Märchen, die nicht unbedingt aus Bayern stammen müssen, finden Sie auf folgender Seite:

Alte deutsche Maerchen

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Schon frueher gab es Erzaehlungen ueber die Zerstoerung des Schutzwaldes in den Bergen, hier diese

Der Berggeist am Rauhen Kulm

Hastig wirft der alte Ull Axt und Saege sich um den schon gebeugten Ruecken. Er achtet nicht der tief verschneiten Wege, will er ja heute wieder zu des Rauhen Kulmes Hoehen emporklimmen, wo der Himmel nicht geweitet ist in durchsichtiger Klarheit, sondern nur schneebedeckte Fichten, vom Winternebel eingesponnen, duester emporragen. In den Nadeln schrillt und klagt der Wind.

"Brause nur da droben, braunes altes Geaeste!" hoehnt der Mann mit der Axt, "du mußt doch nieder in den Schnee, find ich die bekannte Steige". Martha, des wildfahrigen Mannes Eheweib flehte noch unter der Tuer: "Ach Ull, lass dich beugsam finden.Geh heute nicht wieder zur Kulmerhoehe. Suche dir Abholz und Reisig in den tieferen Gruenden. Ach, wuesstest du, wie weh mir ums Herz ist. Der Berggeist zuernt dir, du weisst es und nimmermehr blueht dir Segen dort oben. Hast du es denn schon vergessen, dass dir der ungnaedige Geist schon sieben Aexte vom besten Stahl genommen hat, worauf du leer und ohne Ausbeute zu Tale steigen musstest? Darum bleibe, die fruehe Morgenstunde ist dir nicht hold, mich weht es an wie ein kalter Schauerr, Ull bleibe!"

"Alte, was jammerst du da in alberner Weiberfurcht? Ich soll mich beugen? Ich, der Ull, dem neidischen und graemlichen Kulmvogt? Sind sieben Beile hin, so sei es auch das achte. Ich hole mir die Fichte!" Sprach's und nahm trotzig seinen Anstieg. Im fahlen Morgenlicht waehlte er sich lachend die hoechste und schoenste im ganzen Fichtenkranz. Bald wecketen hundertSchlaege den Widerhall, bis endlich der stolze Baum niederprasselte.

Mit einem wilden Siegesjauchzen schwenkte der Alte das verschwitzte Huetlein, doch schnell des unheimlichen Geistes gedenkend, presste er krampfhaft die frevlerische Axt an sich. Aber schon zieht und zerrt es wieder an derselb en und so heftig sich der Ull stemmt und wehrt, mit einem Ruck ist sie weg aus Arm und Beuge. Er starrte eine Weile, dann wollte er eine Verwuenschung ausrufen, doch, horch, aus den Wipfeln grauer Staemme toent es wie ein dumpfer Geisterchor und schaurig dringt es zu ihm an die Ohren:

"Geh, du starrsinniger Tor und dank es meiner Guete, dass ich dir nur die Axt nahm und dich selbst verschonte. Die Baeume sind in meinem Bann und unter meiner Hut und Goetterzorn erfasst mich, wenn sich ein Frevler naht. Jede Axt ist meine Beute. Mit den Aexten aber, die ich hole, schlage ich dann nach den Schlimmen im Lande. Wer es aber wagen sollte, auf die zu schmaehen, die in liebenden Vertrauen nach meinem Bergwald ziehen um dort Schutz und Rast zu suchen, der wird meiner Rache nicht entfliehen und selbst die geweihte Klosterzelle entgeht nicht der Strafe des Berggeistes!".

Tiefer Goldglanz spielte sich durch das Gefieder des Waldes. Der Ull aber stieg bebenden Herzens zu Tal. Er war ein anderer geworden und mit reuevollem Eifer kuendete er in Feld und Forst, all ueberall, wohin sein Fuß sich kehrte, die Macht des Berggeistes am Rauhen Kulm.

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Aus Unterfranken kommt folgende Erzaehlung:

In den Totenmannsaeckern

In der Naehe des Dorfes Wenigumstadt bei Aschaffenburg gibt die sogenannte "Kunderbruecke", eine Feldabteilung in den Totenmannsaeckern an der Straße von Großostheim. Als einst in einer dunklen und fuerchterlich stuermischen Dezembernacht ein Bauer mit einem leichtbeladenen Wagen heimfuhr, blieb sein Pferd dort einfach stehen. Alles Zureden, auch die Peitsche halfen nicht. Das Tier war nicht von der Stelle zu bringen. Es scharrte, schlug aus und baeumte sich auf. Schaum trat ihm vor die Nuestern und der Schweiß stand ihm auf dem ganzen Koerper. Der Bauer untersuchte das Geschirr mit den Zugstraengen, fand aber alles in Ordnung.

Da fiel ihm ganz heiß ein, daß es an diesem Platz nicht ganz geheuer sei. Um sich zu vergewissern, beschaute er seinen Wagen. Da sah er ploetzlich auf der hinten ausstehenden Verlaengerung der Deichsel eine schwarze Gestalt sitzen. Der Bauer bekreuzigte sich und rief voll Schrecken "alle guten Geister loben Gott den Herrn, was willst du?" Der Schwarze antwortete mit tiefer hohler Stimme "Du kannst mich erloesen, willst du es tun?"

Der Bauer entgegnete "Ich bin bereit, sage mir nur was ich tun soll". Nun sprach der Geist: "Der Stoppelacker hier in den Totenmannsaeckern war vor vielen Jahren mein. Mein Geiz veranlaßte mich, in einer fuerchterlichen Dezembernacht, es war das gleiche Datum wie heute, meinem Nachbarn ein Stueck wegzuackern und meinem Acker zuzupfluegen. Auch den Grenzstein habe ich versetzt. Kurze Zeit spaeter starb ich, aber ich kann keine Ruhe im Grab finden. Mach also mein Unrecht wieder gut, in dem du das Stueck zurueckpfluegst und die Grenzsteine auf den alten Platz setzt".

Der Bauer stimmte zu, fragte aber : "Wie kann ich wissen, wieviel ich zurueckpfluegen soll". Der Geist antwortete "ich will es dir zeigen". Im selben Augenblick sprang er vom Wagen, ein Feuerball flog ueber den Stoppelacker und alles war vorbei. Sogleich zog das Pferd wieder an und in kurzer Zeit war der Bauer zuhause.

Als er aber am naechsten Tag zu dem Acker kam, da zeigte ihm ein abgebrannter Stoppelstreifen, wieviel er dem Nachbarn zuzupfluegen hatte. Der Bauer holte Pferd und Pflug und tat wie er versprochen. Seitdem ist Ruhe an diesem Ort.

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Eine Regensburger Sage, entnommen aus "Das Bayernland 1891", also noch in der alten Erzählform

Die dicke Agnes

Als man zählte nach des Herrn Geburt fünfzehnhundert Jahre und noch zehn darüber, lebte in der alten und weltberühmten Freistadt Regensburg die Tochter eines Blechschmiedes, welche man insgemein das Liebfrauenbildlein benamste, sintemal sie über die Maßen schön war von Antlitz und Gestalt. In der Taufe hatte man ihr den Namen Klara beigelegt, und als sie herangewachsen, pflog sie der Gottesfurcht und Ehrfurcht, wie es einer feinen Jungfrau ziemt.

An einem Sonntage, als sie aus der Frühmesse heimkehrte, begab es sich, daß ein stattlicher Jüngling ihr in den Weg kam; der war in Sammet und kostbares Rauhwerk gekleidetund trug über der Brust eine schwere goldene Kette und auf dem Haupte ein Barettlein mit wehendem Federschmucke. Und wie er des holdseligen Mägdleins ansichtig wurde, blieb er stehen und schaute ihr fast betroffen längs der Straße nach, bis sie um die Ecke bog.

Folgenden Montag war Klärchen nach ihrer Gewohnheit zu St. Kassian in der Messe, und wie sie aus der Kirche trat, stand der Junker da und nickte ihr einen Gruß zu.

Und am Erchtage grüßte er wieder und schob ihr unversehens ein Brieflein in die Hand. Darüber errötete die Jungfrau hoch und meinte, eine glühende Kohle in der Hand zu haben, doch wollte sie das Brieflein nicht fallen lassen um des Gerede der Leute willen.Sie verbarg es daher gleich im Busentuche, mit dem Vorhaben, es daheim dem Feuer zuzutragen. Und wenn sie also gethan hätte, wäre ihr großes Leid erspart gewesen.

Im Kämmerlein aber wurde sie anderen Sinnes; denn es gefiel ihr das zierlich gefaltete Pergament, absonderlich das goldgestickte Band, mit welchem es umwickelt war. Und indem sie sann und das Brieflein hinum und herum drehte, ließ sich plötzlich ein Stimmchen vernehmen, wie das Zirpen einer Grille, und sprach: "Nun thörichte Dirne, was zögerst Du lange? Frisch denn ! die toten Buchstaben beißen nicht".

Wer aber so redete, war ein winziges, kaum zollhohes Weiblein, welches in einer Ecke der Kemenate kauerte. Die Jungfrau entsetzte sich anfangs ob des Spukes; weil aber die Kleine sonder Arg schien und gar freundlich that, so ließ sie sich bereden und griff nach der Schere. Und in dem Augenblicke, da das Band losging, wuchs das Weiblein um eines Fingers Länge in die Höhe.

Am Mittwoch ging Klärchen nicht in die Messe, sondern riegelte sich in ihrer Kammer ein, als wäre sie unwohl. Mittlerweile aber suchte sie den Brief wieder vor und vernahm, wie der Junker von heftiger Liebe gegen sie entbrannt sei und nimmermehr von ihr lassen könne und um sie dienen wolle als ein ehrbarer redlicher Freier.

Solches stand mit gar schmucken Worten im Briefe geschrieben. Und während sie noch las, erschien das Weiblein abermals und rief: "Horch auf, mein Töchterchen! Hörst Du nicht Sporenklang auf der Gasse?" Und Klärchen eilte ans Fenster und sah den Junker einhergehen. Der gewahrte sie, wie sie hinter dem Vorhange lauschte; denn die verliebten Fante haben Falkenaugen. Und er grüßte hinauf und sie grüßte hinunter. Das Weiblein aber kicherte ins Fäustchen und wurde unter dem Lachen einen Werkschuh hoch, da es eben nur fingerlang gewesen.

Donnerstag während des Essens zankte der Blechschmied mit seiner Tochter und sagte: "Du träumst bei lichtem Tage und wirfst mehr Salz in die Suppe, als meinem Gaumen lieb ist, und die Katze stiehlt vor Deinen Augen das Fleisch aus dem Topfe". Gegen Abend, im Zwielichte, kam das Weiblein wieder und trug ein Kästchen von Ebenholz unter dem Arme und sprach:"Nimm hin! es ist eine Gedenkgabe von Deinem Freier."

Klärchen aber trat zurück und entgegnete: Hebe Dich von dannen, Versucherin! Eine tugendsame Jungfrau soll nicht Geschenke nehmen." Da zog das Weiblein murrend ab; an der Thür indes wendete es sich nochmals um und sagte: "Geschenkt ist wohlfeiler als gekauft ! Besinne Dich wohl und sieh, was Du verschmähst."

Mit diesen Worten öffnete es das Kästchen und, o Herrlichkeit! innen lag ein prachtvolles Halsgeschmeide von eitel Gold und reich mit Perlen und Edelgestein besetzt. Das flimmerte und funkelte Klärchen gar verführerisch in die Augen, und sie nahm das Kästchen und trat vor den Spiegel und gefiel sich überaus in dem gleißenden Putze. Das Weiblein klopfte dazu in die Hände und rief: "Jetzt magst Du die Nase so hoch tragen wie des Hausgrafen Monika."

Am Freitag war der Handel so weit gediehen, daß der Junker im Finstern über die Gartenmauer stieg und zu Klärchen in die Laube kam. Das Weiblein war heute schon eine Elle hoch. Der Junker koste (schmuste) gar traulich mit der Blechschmiedstochter und sagte ihr noch viel schönere Dinge, als er in dem Briefe geschrieben.

Inzwischen hielt das Weiblein Wache am Eingang der Laufe - und siehe da ! bei jedem Händedrucke wuchs es um einen Zoll in die Höhe und einen Zoll in die Dicke. Und als Sonnabend das Paar aus der Laube trat, stand ein übermenschlich großes Weibsbild da, vierschrötig wie ein Landsknecht und an Umfang einer Biertonne gleich.

Klärchen verhoffte und schrie: "Was schaffest Du hier, Du Ungestalt?"

Die Riesin aber schlug eine helle Lache auf und entgegnete: "Wie, mein Töchterchen, kennst Du Deine alte Freundin nicht mehr? Ich bin die dicke Agnes, und Du hast mich wohl gehalten und genährt, daß ich, vorerst nur ein winziger Däumling, also hochgewachsen und feist geworden bin".

Es ist aber zu wissen, daß die dicke Agnes ein höllisches Gespenst war, welches in selber Zeit in der Stadt sein Unwesen trieb. Das machte sich an die Leute, anfänglich in Gestalt eines daumenlangen Weibleins, und verlockte sie vom rechten Wege durch jene Redensarten und Gemeinplätze, womit das Laster sein Thun zu beschönigen pflegt. Und wo es nicht kräftig abgewiesen wurde durch Gebet und frommen Sinn, da blieb es hangen gleich einem Vampyr und saugte sich voll und gedieh und wuchs heran zum ungeschlachten Monstrum.

Klärchen, das arme Klärchen - nachdem der vornehme Junger eine Zeitlang seine Kurzweil mit ihr vollbracht, verließ er sie, unveirrt von ihren Vorwürfen und Thränen, und ehelichte die Tochter eines reichen Geschlechts. Ähnlich erging es anderen Jungfrauen, die mit der dicken Agnes sich eingelassen, und manche von ihnen fielen so tief, daß man nach der Hand ihre Namen im Register des Reichstagsprofosen verzeichnet fand, welchem bekanntermaßen die Obhut über das fahrende Volk anvertraut war.

Was das Mannsvolk belangt, so nahm das Gespenst sein Absehen insbesondere auf die Ladenburschen und sonst junge Leute, die ungezähltes Geld in dem Bereiche ihrer Finger hatten. Denen blies es ein: "Ein paar Pfennige schaden Deinem Herrn nicht - er spürt's nicht. Ein Hellerchen ist noch kein Thälerchen!" oder: "Ein dummes Roß, das am Born steht und nicht frißt" - und wie die Sprüchlein alle lauten, womit angehende Gauner und Diebe ihr Gewissen zum Schweigen zu bringen suchen. Und etliche von diesen bethörten Gesellen huben an mit einem Griffe in den Ladentisch und endigten als Straßenräuber.

Solch einreißendes Verderbnis machte dem wohlweisen Rate großes Bedenken, und man dachte allen Ernstes darauf, wie man des Spukes Meister werde. Mit leiblichen Waffen aber konnte man ihm nichts anhaben, und so ging man denn die ehrwürdigen Väter Minoriten um Beihilfe an. Diese bannten, der Sage nach, das Gespenst nicht ohne große Mühe in den tiefen Keller eines verödeten Hauses an der Bäckerspreng, wo man es noch lange Jahre nachher in der Zeit zwischen Gebetläuten und Hahnenschrei wimmern und ächzen hörte, zum Schrecken aller Vorübergehenden.

*

Und hier noch eine Sage aus der Nähe von Kelheim, genauer von Weltenburg, wo heute das Kloster steht:

Die Nixe von Weltenburg

Es ist einmal am Donaustrande unfern Weltenburg ein junger Fischer gesessen, der sah in die rinnenden Wellen und ziehenden Wasser und konnte sich nicht satt sehen an dem blauen Schein. Er liebte das Rauschen des Stromes, denn immer vermeinte er, ein seltsames Singen und Klingen daraus zu vernehmen wie wonnige Liedweise.

Das plötzlich kam etwas die Fluten herabgeglitten, wie ein weites Rad ausgebreiteten Goldhaares, drauf, einer schaumumsprühten Wasserlilie gleich, ein schneeiger Nacken und ein süßes, minnigliches Köpflein ruhte. Da sprang der Fischer empor aus seinen Träumen und hinein in die Stromschnelle, wußt' aber kaum, wollt' er das köstliche, arglos daher treibende Wunder nur aus der wilden Brandung retten oder für sich erhaschen.

Und sein kraftvoller Arm umfing und trug das elfische Wesen ans Ufer, und ein nie geahnter Schauer durchrann den starken Mann, wie er das holdselige Weib, von dem Mantel seines langen Goldhaares und grünen Wasserpflanzen umflossen, an seine Brust gebettet hielt.

Da er aber ans Land sprang und wieder festen Boden gewonnen hatte, war ihm das Mägdlein aus dem Arm geglitten und hatte sich ins hohe Strandgeröhrichte geduckt. Er aber kniete daneben nieder: "Ich hab Dich gefangen, Du Holde, Süße, und will Dich nimmer lassen!"

Da neigte sie sich ganz nahe zu ihm, und ihre Augen hingen schier angstvoll flehend an den seinen. "O, laß mich, laß mich doch lieber, denn ich bin eine Nixe der Stromfey, und meine Herrin wird grollen, wenn ich nimmer zurückkehre."

Der Jüngling aber lachte nur: "Was fragen wir nach der Stromfey, Du und ich. Auf dem Lande kann sie Dir nichts anhaben, und vor dem Wasser will ich Dich schon hüten; ich aber fürcht' mich nicht vor ihr und ihrer Gewalt."

Da schaute sie ihn noch größer und flehender an: "Wohl seh' ich am Glanz Deines Blickes, daß Du mich liebst, aber wirst Du mir auch die Treue halten fest und unwandelbar bis zum Tode?"

Ihre Stimme klang süß wie ein Frühlingshauch. Sie drang ihm schmeichelnd ans Herz. "Wie könnt' ich je Dein vergessen, Du meine traute Wasserrose !"

So ward sie sein und wohnte mit ihm in seinem Heim und hielt ihm mit ihren Elfenhänden das Haus in schmucker Ordnung. Freilich wollte ihr anfänglich schwer fallen, sich, die freigeborene Tochter des Stromes, in solch Joch zu beugen, aber sie gedachte an ihren Liebsten, darob schwand ihr alle Mühe alle Plage, und es blieb ihr nichts mehr als das Glück, ihn fröhlich zu sehen.

So schwand der Mai. Wie mit drückender Schwüle der Sommer heraufzog, kam einstmals des Fischers Mutter von Weltenburg herüber, ihren Sohn heimzusuchen. Die war eine fromme Frau und erschrak nicht wenig, als sie die Nixe bei ihm fand.

Wohl schloß ihr die Angst vor der Gewalt der Unirdischen für den Augenblick den Mund, da ihr aber der Sohn am Heimweg ein Stück Weges das Geleit gab, machte sie ihm die zärtlichsten Vorstellungen ob seiner übereilten That. "Entlaß die Unholdin, nimmer wird sie Dir Glück und Segen bringen!"

Da kam der Fischer zum ersten Male umdüstert nach Hause, und es dauerte lange, bis die Nixe mit ihren Liebkosungen die Wolken von seiner Stirn wieder verscheucht hatte.

Etliche Wochen später kam ein Pfarrherr aus St. Benedikts Hause in Weltenburg in des Fischers einsame Hütte, sein säumiges Pfarrkind zum lange versäumten Kirchgang zu laden. Wie der der Nixe ansichtig ward, zog er sein Gesicht in strenge Falten: "Fahr hin, unholder Geist, der Du den Sinn argloser Sterblicher bethörst! Du, aber", wandte er sich an den Fischer, "komm zurück in unsere Gemeinschaft, zum Heiligtum des Herrn!" Und wie der Fischer zustimmend mit dem Kopf nickte, hielt ihm der Pfarrherr die Rechte hin: "Schlag ein, ein Mann, ein Wort!"

Und der Fischer wagte nicht, der wohlgemeinten Rede des ehrwürdigen Mannes zu widerstehen, und bekräftigte seinen Verspruch durch seinen Handschlag.

Nachdem aber der Geistliche längst die Hütte verlassen hatte, saß der junge Fischer noch reglos und starrte in die Glut seines Herdes, und selbst die zärtliche Dienstbeflissenheit der Nixe konnte ihn nicht aus seinem Sinnen reißen.

Erst am anderen Tage ward er wieder heitrer, aber am nächsten Sonntage folgte er doch dem Glockenruf, der von der Weltenburger Kirche herüberklang.Freilich waren dabei seine Gedanken nicht beim Gebet, vielmehr zermarterte er sich das Hirn in fruchtloser Ratlosigkeit.

Am Rückweg aber traf er eine junge Fischerdirne, die ihm einst lieb gewesen, und die er dann über der Schönheit der Nixe vergessen. Die sah ihn mit einem einzigen Blicke an - und was die Mutter mit ihrer Bitte und der Priester mit seiner Scheltrede und die Kirche mit ihren Glocken nicht vermocht, das schwand vor diesem einzigen Blick wie Spreu vor dem Wind. Der Nixe Bann war gebrochen, die alte Liebe hatte gesiegt.

Demütig flehend streckte er dem Mägdlein die Hand hin: "Kannst Du mir vergeben?" Sie aber lächelte unter Thränen: " Nicht Du bist schuld an dem Unheil, sondern jene, die arglistig ihr Netz um Dich gesponnen".

Da zog er sie in seine Arme: "Wie gut Du bist, wie lieb und treu." Dann ging er heim, jagte die Nixe aus der Hütte und bereitete sein Haus auf den Empfang einer andern Frau, und ehe ein Mond verflossen, stand er mit seiner rotwangigen Braut vor dem Altare und hatte die Nixe mit all ihrer Schönheit und all der glücklichen Zeit, die er mit ihr verlebt, vergessen.

Die arme Verstoßene aber flüchtete zu seiner Mutter. "Gib mir Deinen Sohn wieder", bat sie mit rührend flehender Geberde, "und ich will ihm dienen wie eine Magd". Die Mutter aber wies sie lachende von der Schwelle: "Hebe Dich hinweg von mir, thörichte Närrin!" Da floh sie zurück in die Donau zur Stromfey, die sie verlassen, und flehte dort um Aufnahme.

Die aber hob sich kühl und still aus den Wellen, und ihre weiße, keusche Stirn blickte hell aus dem bläulichen Grunde: Wie kannst Du rückkehren nach dem, was geschehen? Rein und unberührt spielen wir in der Tiefe des Stromes, Du aber hast Dich sleber gelöst aus unserer Gemeinschaft, hast einem Manne Dich zu eigen gegeben, - geh zurück zu den Menschen, denen Du Dich freiwillig gesellt;, in unsren Reihen ist kein Platz mehr für Dich."

Da rang die Nixe in wilder Verzweiflung die Hände: " Die Menschen haben mich verstoßen, so töte mich !"

Mit unsäglich hoheitsvollem Blicke hob die Stromfey sich von ihrem Binsenlager und streckte abwehrend die Hand wider sie, da ward sie mählich starr und kalt und steinern, bis sie als einzelner Fels mitten im Wasser aufragte, das leidvolle Antlitz noch immer flehende nach der Tiefe des Stromes gerichtet.

Mittlerweile lebte der Fischer glückselig mit seinem jungen Weibe und gedachte nicht mehr der Verstoßenen. Wochenlang hatte er kaum die Hütte verlassen, jetzt war ein schöner Herbsttag, und das Gewerbe rief ihn hinaus auf den Strom. Flüchtig glitt sein Boot über die spielenden Wellen, neben ihm aber saß sein lachendes Weib, ihm die Zeit mit fröhlichem Scherze kürzend.

Da plätzlich klang ihm ein seltsamer Ton ins Ohr, der machte ihn erzittern, denn er war ihm traut und lieb gewesen lange Zeit. Und der Ton klang schmerzlich bang wie Todesseufzer; aufschauend aber gewahrte er das steingewordene Gesicht der Nixe, und aus dem Rauschen der Brandung, die sich zu ihren Füßen brach, klang ihm die Kundes des ganzen traurigen Geschehnisses.

Darob entsetzt, schlug er die Hände vors Gesicht, ein Grauen erfaßte ihn - das war sein Werk.

Liebevoll besorgt, schlang sein Weib den Arm um ihn, da kam er zu sich. "Was ich gesündigt, muß ich wieder gut machen!" rief er, zum Ruder greifend. Dann fuhr er eilig sein Weib ans Ufer mit der Weisung, seiner zu harren. Er selbst aber steuerte den Kan tief in die felszerklüfteten Schluchten, die sich dort zu beiden Seiten der Donau hinziehen, die Stromfey zu suchen.

Sie zu finden, sollte ihm nicht schwer fallen. Auf grünem Moosteppich ruhte sie, Wasserrosen im Haar, schilfblattumrauscht; aber ihr Antlitz blieb still, kühl und ablehnend bei seiner Bitte um Freigabe der Nixe.

"Komm zu mir!" befahl sie ihm, und ihm wollte dabei bedünken, als ob sie dabei weiter vor ihm zurückweiche, wie er aber, ihrer Weisung folgend, den Kahn näher herzurudern wollte, rissen ihm strudelnde Wellen das Ruder aus der Hand, wirbelnd drehte sich das Fahrzeug im Kreise, dann sank es zur Tiefe, jenen mit sich reißend, dessen zweigeteiltes Herz ihm das Leben zur Qual schuf.

Am Ufer aber wartete noch lange vergeblich des Fischers Weib auf die Rückkehr des geliebten Mannes. Am Morgen des dritten Tages endlich flogen Raben aus der Schlucht, die kündeten sein trauriges Ende. Da sank sie ins Knie und betete ein Vaterunser für seine arme gerichtete Seele, aber sie weinte nicht und klagte nicht, sondern ging heim, legte sich still und freudlos nieder und schloß die Augen zu ewigem Schlummer.

Das steinerne Nixenangesicht haben mählich Sturm und Regengüsse verwaschen, aber aus dem Gefelse dringt heute noch ein seltsames Klingen, und der vorüberfahrende Fischer hört es und kennt die Klage.

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