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Die Nixe von Weltenburg
Es ist einmal am Donaustrande unfern Weltenburg ein junger Fischer gesessen,
der sah in die rinnenden Wellen und ziehenden Wasser und konnte sich nicht
satt sehen an dem blauen Schein. Er liebte das Rauschen des Stromes, denn immer
vermeinte er, ein seltsames Singen und Klingen daraus zu vernehmen wie wonnige
Liedweise.
Das plötzlich kam etwas die Fluten herabgeglitten, wie ein weites
Rad ausgebreiteten Goldhaares, drauf, einer schaumumsprühten Wasserlilie
gleich, ein schneeiger Nacken und ein süßes, minnigliches Köpflein
ruhte. Da sprang der Fischer empor aus seinen Träumen und hinein in die
Stromschnelle, wußt' aber kaum, wollt' er das köstliche, arglos
daher treibende Wunder nur aus der wilden Brandung retten oder für sich
erhaschen.
Und sein kraftvoller Arm umfing und trug das elfische Wesen ans Ufer,
und ein nie geahnter Schauer durchrann den starken Mann, wie er das holdselige
Weib, von dem Mantel seines langen Goldhaares und grünen Wasserpflanzen
umflossen, an seine Brust gebettet hielt.
Da er aber ans Land sprang und wieder festen Boden gewonnen hatte, war
ihm das Mägdlein aus dem Arm geglitten und hatte sich ins hohe Strandgeröhrichte
geduckt. Er aber kniete daneben nieder: "Ich hab Dich gefangen, Du Holde,
Süße, und will Dich nimmer lassen!"
Da neigte sie sich ganz nahe zu ihm, und ihre Augen hingen schier angstvoll
flehend an den seinen. "O, laß mich, laß mich doch lieber,
denn ich bin eine Nixe der Stromfey, und meine Herrin wird grollen, wenn ich
nimmer zurückkehre."
Der Jüngling aber lachte nur: "Was fragen wir nach der Stromfey,
Du und ich. Auf dem Lande kann sie Dir nichts anhaben, und vor dem Wasser will
ich Dich schon hüten; ich aber fürcht' mich nicht vor ihr und ihrer
Gewalt."
Da schaute sie ihn noch größer und flehender an: "Wohl
seh' ich am Glanz Deines Blickes, daß Du mich liebst, aber wirst Du mir
auch die Treue halten fest und unwandelbar bis zum Tode?"
Ihre Stimme klang süß wie ein Frühlingshauch. Sie drang
ihm schmeichelnd ans Herz. "Wie könnt' ich je Dein vergessen, Du
meine traute Wasserrose !"
So ward sie sein und wohnte mit ihm in seinem Heim und hielt ihm mit
ihren Elfenhänden das Haus in schmucker Ordnung. Freilich wollte ihr anfänglich
schwer fallen, sich, die freigeborene Tochter des Stromes, in solch Joch zu
beugen, aber sie gedachte an ihren Liebsten, darob schwand ihr alle Mühe
alle Plage, und es blieb ihr nichts mehr als das Glück, ihn fröhlich
zu sehen.
So schwand der Mai. Wie mit drückender Schwüle der Sommer heraufzog,
kam einstmals des Fischers Mutter von Weltenburg herüber, ihren Sohn heimzusuchen.
Die war eine fromme Frau und erschrak nicht wenig, als sie die Nixe bei ihm
fand.
Wohl schloß ihr die Angst vor der Gewalt der Unirdischen für
den Augenblick den Mund, da ihr aber der Sohn am Heimweg ein Stück Weges
das Geleit gab, machte sie ihm die zärtlichsten Vorstellungen ob seiner
übereilten That. "Entlaß die Unholdin, nimmer wird sie Dir
Glück und Segen bringen!"
Da kam der Fischer zum ersten Male umdüstert nach Hause, und es
dauerte lange, bis die Nixe mit ihren Liebkosungen die Wolken von seiner Stirn
wieder verscheucht hatte.
Etliche Wochen später kam ein Pfarrherr aus St. Benedikts Hause
in Weltenburg in des Fischers einsame Hütte, sein säumiges Pfarrkind
zum lange versäumten Kirchgang zu laden. Wie der der Nixe ansichtig ward,
zog er sein Gesicht in strenge Falten: "Fahr hin, unholder Geist, der
Du den Sinn argloser Sterblicher bethörst! Du, aber", wandte er sich
an den Fischer, "komm zurück in unsere Gemeinschaft, zum Heiligtum
des Herrn!" Und wie der Fischer zustimmend mit dem Kopf nickte, hielt
ihm der Pfarrherr die Rechte hin: "Schlag ein, ein Mann, ein Wort!"
Und der Fischer wagte nicht, der wohlgemeinten Rede des ehrwürdigen
Mannes zu widerstehen, und bekräftigte seinen Verspruch durch seinen Handschlag.
Nachdem aber der Geistliche längst die Hütte verlassen hatte,
saß der junge Fischer noch reglos und starrte in die Glut seines Herdes,
und selbst die zärtliche Dienstbeflissenheit der Nixe konnte ihn nicht
aus seinem Sinnen reißen.
Erst am anderen Tage ward er wieder heitrer, aber am nächsten Sonntage
folgte er doch dem Glockenruf, der von der Weltenburger Kirche herüberklang.Freilich
waren dabei seine Gedanken nicht beim Gebet, vielmehr zermarterte er sich das
Hirn in fruchtloser Ratlosigkeit.
Am Rückweg aber traf er eine junge Fischerdirne, die ihm einst lieb
gewesen, und die er dann über der Schönheit der Nixe vergessen. Die
sah ihn mit einem einzigen Blicke an - und was die Mutter mit ihrer Bitte und
der Priester mit seiner Scheltrede und die Kirche mit ihren Glocken nicht vermocht,
das schwand vor diesem einzigen Blick wie Spreu vor dem Wind. Der Nixe Bann
war gebrochen, die alte Liebe hatte gesiegt.
Demütig flehend streckte er dem Mägdlein die Hand hin: "Kannst
Du mir vergeben?" Sie aber lächelte unter Thränen: " Nicht
Du bist schuld an dem Unheil, sondern jene, die arglistig ihr Netz um Dich
gesponnen".
Da zog er sie in seine Arme: "Wie gut Du bist, wie lieb und treu."
Dann ging er heim, jagte die Nixe aus der Hütte und bereitete sein Haus
auf den Empfang einer andern Frau, und ehe ein Mond verflossen, stand er mit
seiner rotwangigen Braut vor dem Altare und hatte die Nixe mit all ihrer Schönheit
und all der glücklichen Zeit, die er mit ihr verlebt, vergessen.
Die arme Verstoßene aber flüchtete zu seiner Mutter. "Gib
mir Deinen Sohn wieder", bat sie mit rührend flehender Geberde, "und
ich will ihm dienen wie eine Magd". Die Mutter aber wies sie lachende
von der Schwelle: "Hebe Dich hinweg von mir, thörichte Närrin!"
Da floh sie zurück in die Donau zur Stromfey, die sie verlassen, und flehte
dort um Aufnahme.
Die aber hob sich kühl und still aus den Wellen, und ihre weiße,
keusche Stirn blickte hell aus dem bläulichen Grunde: Wie kannst Du rückkehren
nach dem, was geschehen? Rein und unberührt spielen wir in der Tiefe des
Stromes, Du aber hast Dich sleber gelöst aus unserer Gemeinschaft, hast
einem Manne Dich zu eigen gegeben, - geh zurück zu den Menschen, denen
Du Dich freiwillig gesellt;, in unsren Reihen ist kein Platz mehr für
Dich."
Da rang die Nixe in wilder Verzweiflung die Hände: " Die Menschen
haben mich verstoßen, so töte mich !"
Mit unsäglich hoheitsvollem Blicke hob die Stromfey sich von ihrem
Binsenlager und streckte abwehrend die Hand wider sie, da ward sie mählich
starr und kalt und steinern, bis sie als einzelner Fels mitten im Wasser aufragte,
das leidvolle Antlitz noch immer flehende nach der Tiefe des Stromes gerichtet.
Mittlerweile lebte der Fischer glückselig mit seinem jungen Weibe
und gedachte nicht mehr der Verstoßenen. Wochenlang hatte er kaum die
Hütte verlassen, jetzt war ein schöner Herbsttag, und das Gewerbe
rief ihn hinaus auf den Strom. Flüchtig glitt sein Boot über die
spielenden Wellen, neben ihm aber saß sein lachendes Weib, ihm die Zeit
mit fröhlichem Scherze kürzend.
Da plätzlich klang ihm ein seltsamer Ton ins Ohr, der machte ihn
erzittern, denn er war ihm traut und lieb gewesen lange Zeit. Und der Ton klang
schmerzlich bang wie Todesseufzer; aufschauend aber gewahrte er das steingewordene
Gesicht der Nixe, und aus dem Rauschen der Brandung, die sich zu ihren Füßen
brach, klang ihm die Kundes des ganzen traurigen Geschehnisses.
Darob entsetzt, schlug er die Hände vors Gesicht, ein Grauen erfaßte
ihn - das war sein Werk.
Liebevoll besorgt, schlang sein Weib den Arm um ihn, da kam er zu sich.
"Was ich gesündigt, muß ich wieder gut machen!" rief er,
zum Ruder greifend. Dann fuhr er eilig sein Weib ans Ufer mit der Weisung,
seiner zu harren. Er selbst aber steuerte den Kan tief in die felszerklüfteten
Schluchten, die sich dort zu beiden Seiten der Donau hinziehen, die Stromfey
zu suchen.
Sie zu finden, sollte ihm nicht schwer fallen. Auf grünem Moosteppich
ruhte sie, Wasserrosen im Haar, schilfblattumrauscht; aber ihr Antlitz blieb
still, kühl und ablehnend bei seiner Bitte um Freigabe der Nixe.
"Komm zu mir!" befahl sie ihm, und ihm wollte dabei bedünken,
als ob sie dabei weiter vor ihm zurückweiche, wie er aber, ihrer Weisung
folgend, den Kahn näher herzurudern wollte, rissen ihm strudelnde Wellen
das Ruder aus der Hand, wirbelnd drehte sich das Fahrzeug im Kreise, dann sank
es zur Tiefe, jenen mit sich reißend, dessen zweigeteiltes Herz ihm das
Leben zur Qual schuf.
Am Ufer aber wartete noch lange vergeblich des Fischers Weib auf die
Rückkehr des geliebten Mannes. Am Morgen des dritten Tages endlich flogen
Raben aus der Schlucht, die kündeten sein trauriges Ende. Da sank sie
ins Knie und betete ein Vaterunser für seine arme gerichtete Seele, aber
sie weinte nicht und klagte nicht, sondern ging heim, legte sich still und
freudlos nieder und schloß die Augen zu ewigem Schlummer.
Das steinerne Nixenangesicht haben mählich Sturm und Regengüsse
verwaschen, aber aus dem Gefelse dringt heute noch ein seltsames Klingen, und
der vorüberfahrende Fischer hört es und kennt die Klage. |