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Der Schneckengangerl war ein Sohn des Berchtesgadner
Landes, stämmig und wild wie seine engste Heimat, rings umschlossen von
himmelanstrebenden Felskolossen im Schoß der wuchtigen Alpen.
Schon von klein auf
äußerte sich in dem Kaserbuben ein Trotz und Stolz, der ihn mit
den Jahren völlig isolierte. Ein mildtätiger Bauer hatte das Büberl
aufgenommen an Kindesstatt, als die armen Eltern rasch nacheinander weggestorben
waren.
Es waren Zuag'roaste gewesen, der Vater ein
Flickschneider, der zu den Bauern in die Stör (auf Tagesarbeit
mit Verpflegung) ging, die Mutter eine Hausiererin mit Geschirr, brave, aber
schauerlich arme Leute. Im Landl ließ sich ein Geschäft machen und
so blieben sie, bis alle Gehöfte abgegangen waren.
Wie sie aus dem Jammerleben schieden, besaß der Woaselbua
(Weisenknabe) außer seinem rupfenen Hemdchen und der Leinenhose nur noch
ein Paar abgetragene Holzschuhe. Der Rest an Geschirr und die paar Kreuzer
vom Vater reichten kaum für die Leich' hin und so mußten
die Leuteln auf Gemeindekosten begraben werden.
Die schönsten Tage verlebte der kleine Gangerl (Wolfgang) gerade nicht
auf dem Hofe seines Guttäters, die Bäuerin wie die Knechte und Mägde
sahen den kleinen Buben für einen überflüssigen Hoagast
(Hausgast) an der Suppenschüssel an und ließen ihn deutlich genug
fühlen, daß er ein Ang'nummas (angenommenes Kind) war.
Das verhärtete das Gemüt des Buben gar bald und
und machte ihn rasch selbständig. Für die häufigen Püffe
und Bosheiten des Gesindes wußte sich der Gangerl jederzeit zu rächen,
der Kuhmagd legte er heimlich Tannbuschen unters Bettuch, wenn sie ihn jählings
beim Milchnaschen erwischte und beim Schopfe nahm. Den Knechten mischte er
Nußblätter unter den Tabak und ähnliches mehr, wofür er
natürlich Hiebe mehr wie Knödel bekam.
Auf der Alm tat der Bub auch kein gut, er lag lieber auf
dem Rücken und guckte in das Firmament und ließ die Geißen
äsen, wo sie wollten. Die Sennerin konnte sie dann zusammen suchen, wenn
sie sich verstiegen hatten.
Dafür interessierte sich der Bub um so mehr für
das Fischen im Königssee, für das Vogelstellen und Wildschlingen
konnte er besser legen alsdie Raubschützen. So wild der Bursche war, so
zutraulich wurde er bei den Holzern (Holzfällern), die ihn zu allen schlechten
Streichen abrichteten.
Wenn er für sie Saiblinge und Oabasseln
(eine Fischart im Königssee) fangen sollte, da entwickelte er eine staunenswerte
Findigkeit im Nichterwischenlassen und eine Schnelligkeit, während er
Aufträge der Bauern so langsam ausführte, daß man ihn kurzerhand
den Schneckengangerl nannte. Dieser Name blieb ihm von da an, auch
bei dem neuen Bauern, als er endlich wegen seiner nichtsnutzigen Streiche davongejagt
worden war. Dann verschwand er eines Tages und es hieß, er sei ins Österreichische
hinüber.
An zwanzig Jahr mochten vergangen sei, da kam der Schneckengangerl wieder über
die Tauern herüber. Er war im Landl, aber kein Mensch wußte, wo
er hauste und wovon er lebte.
Im Forstamt spürte man seine Anwesenheit bald, aber
es gelang trotz erhöhter Aufmerksamkeit nicht, den Burschen abzufangen.
Auch der Bauer am Brandkopf hatte keine Ahnung, wo der Gangerl hauste, obwohl
dieser hagere, schier zaundünn gewordene Bursche öfter auf dem Hof
auftauchte.
Der Gangerl hausierte nämlich mit geheimnisvollen
Mitteln zum Wettervertreiben, Schußsichermachen, Unsichtbarmachen oder
zum Finden von Verlorenem, die damals reichen Absatz fanden.
Und mit einem Raffinement sondergleichen wußte der
Schneckengangerl zu sondieren, ob bei den Bauern der Aberglaube groß
genug war, daß er mit seiner Handelschaft beginnen konnte oder nicht.
Beim Brandhofer gelang es gleich in der ersten Minute durch ein drastisches
Mittel. Der Bursche entnahm einem Blechbüchschen etwas Fett und bestrich
des Bauern Stirn damit. So Bauer, hiazt (jetzt) gehst dreimal ums Haus,
na' gehst auf mir zua und gibst mir, wennst net unsichtbar bist, a sakrische
Watschen sagte der Schneckengangerl.
Der Bauer marschiert ums Haus herum und geht dann schnurstracks
auf den Gangerl zu, der ihn allerdings kommen sieht, aber thut, als wäre
der krummbeinige Bauer leere Luft.
No, sieaghst mi oder net? fragte der Bauer. Der Gangerl versicherte
ernsthaft: Na, nix, wo bist denn? und dabei griff der listige
Bursche neben dem Bauern in die Luft.
Jeß', bin i wirkli unsichtbar, frohlockte
der Bauer und versetzte dem Burschen einen Backenstreich. Ah, da bist
ja, rief der Gangerl und setzte dem gespannt zuhorchenden Brandhofer
auseinander, daß die Wirkung der Salbe mit dem Augenblick aufhöre,
wie der Bestrichene jemand anderem eine Ohrfeige verabreiche.
An jenem Tag kaufte der Bauer vom Gangerl das Schmalz der Cappelsberger
Glocken, welches das Gewitter vertreibt, einen Hasenlauf von einem am
ersten Freitag im März geschossenen Hasen, der Kraft gibt und die Lenden
stärkt, und etwas Samen vom Bilsenkraut zum Regenmachen.
Wie eben der Gangerl die drei Kronenthaler einstreichen
will, kommt die Sennerin von der Brandalm heruntergerennt, um dem Bauern zu
vermelden, daß das ganze Vieh durch den gestrigen Sturm versprengt sei.
Der Bauer flucht, daß die kleinen Fenster scheppern, aber er weiß
für den ersten Moment auch keine Hilfe und kratzt sich hinterm Ohr. Ob
der Gangerl was wüßt' zum Wiederfinden der versprengten Viecher?
Freilich, mit den Stecken da, den der Gangerl nun in die Höhe hob, mit
diesem Hexenstecken könnte er das Almvieh schon wieder zusammenbringen,
aber umensonst ist der Tod und der kost' das Leben. Für einen
Preußenthaler extra will der Gangerl die Wunderkraft des Stockes zu gunsten
des um sein Vieh besorgten Bauern erproben, doch muß der Bauer mit der
Sennerin, die das Vieh genau kennt, mit einer großen Almglocke schellende
und laut rufend sieben Stund', sieben Minuten und sieben Sekunden, um keinen
Schnaufer weniger oder mehr, auf die Suche gehen.
So geschah es und richtig, schon nach wenigen Stunden war das durch die Rufe
der Sennerin und das Geläute herbeigelockte Vieh wieder bei einander.
Nur eine Kalbin (noch nicht Milch gebende Jungkuh) hatte sich so verstiegen,
daß das frierende zitternde Rind auf dem Felsblock einer Gemse gleich
die füße unter dem Leibe zusammen gezogen hatte und, den Kopf weit
vorstreckend, ängstlich brüllte, indes der Schweif wagerecht vom
Leib gerecht war.
Der scharf losende (horchende) Gangerl hatte das Angstgeblök
bald vernommen und sich über seinen Stand in den Wänden orientiert.
Die Frage war nur, wie das Rind herunterzubringen, denn im Sprung geht es nicht
und durch das Latschengestrüpp auch nicht gut.
Aber der Gangerl mit seinem geschmeidigen Körper kroch
katzengleich durch das Gestrüpp und brachte auf diesem selbstgeschaffenen
Pfad das Tier herab, das willig seinem Retter folgte.
Dem über die Rettung des wertvollen Tieres hocherfreuten
Bauern sagte der listige Gangerl, der geheimnisvolle Stock sei Ursache, daß
alles Vieh wieder heil bei der Hütten sei und das glaubte der Bauer felsenfest.
Von nun an glaubte der Brandhofer überhaupt alles, was der Gangerl wollte.
Er kaufte dem Burschen für sündteures Geld die Unsichtbarkeitssalbe
ab, durch die er Geld verdienen will, viel Geld.
Nicht etwa, daß der Brandhofer sich Geld durch Diebstahl
verschaffen will, wie der alte Holzer von Arzbach der mit anderen die Rentamtskasse
zu Tölz stehlen und sich durch den zweiten Finger eines unschuldigen Knaben
unsichtbar machen wollte. Sie hatten einen Erdspiegel
bei sich und hielten ihn vor sich, da aber der Teufel vor ihnen gestanden und
ihnen aus dem Spiegel zugeschaut hatte, so haben sie die Flucht ergreifen müssen
und haben so von dem Gelde aus der Rentamtlichen Kasse nichts erhalten (aus
Volksmedizin und Aberglauben in Oberbayerns Gegenwart und Vergangenheit
von Dr. M. Höfler, München, Ernst Stahl, 1888).
Nein, stehlen will der Brandhofer nicht, aber schwirzen (schwärzen
= paschen), wenn er sich nämlich unsichtbar machen kann, dann können
die Grenzer aufpassen, wie sie wollen. Dann braucht er auch nicht mehr den
beschwerlichen Weg übers Torrennerjoch auf seinen Paschgängen (Schmuggel)
zu machen, sondern kann auf der Landstraße beim Mautamt, beim Drachenloch
und bei Schellenberg bequem vorbeigehen.
Der Schneckengangerl hat sich nach dem Handel mit der Unsichtbarkeitssalbe
auffallend rasch vom Brandhof entfernt und ist nicht mehr zu dem Bauern gekommen.
Das machte den Brandhofer nach einigen Wochen stutzig, und wie neben dem krassesten
Aberglauben stets das größte Mißtrauen wächst, so traute
der Brandhofer auch der Wundersalbe nicht recht und beschloß, eine Probe
zu machen.
Samstag war es just, der Bauer drückte sich nach dem Mittagessen den einsamen
Steig durch das Stangenholz hinab zum Dorfwirtshaus. Inmitten der Holzknechte,
Bauern und Schiffleute gedachte der Brandhofer die Probe zu machen. Er entnahm
der Blechbüchse unterm Tisch etwas Salbe und bestrich sich die Stirn,
wobei er that, als wäre ihm fürchterlich heiß. Dann wartete
er auf eine günstige Gelegenheit.
Grad hat der Schiffmeister, der neben dem Brandhofer sitzt, ein frisches Glas
Bier erhalten. Der Brandhofer denkt sich, als Unsichtbarer kann ich ganz gut
dem Schiffmeister jetzt die Halbe Bier austrinken, ohne daß mich jemand
sieht. Gedacht, gethan keiner sagt' was, nur guckt der Schiffmeister
seinen durstigen Nachbarn recht spöttisch an, als wollt' er sagen: Du
bist mir amal a Notniggel! Aber gesagt hat er nichts.
Durch den Erfolg kühner geworden, ißt der Brandhofer dann dem Sägmüller
die besten Brocken Kalbfleisch vom Teller und wieder sagt keiner was am Tisch.
Das macht den Brandhofer völlig sicher. Er will jetzt die Generalprobe
machen.
Bloß zum Spaß, bei Leibe nicht aus Ernst will er dem Schiffmeister
den dicken Geldbeutel 'rausstibitzen aus dem Hosensack und ihm denselben dann
in die Tasche der Lodenjoppe stecken. Richtig hat der Brandhofer die Finger
in der Hosentasche des Schiffmeisters, aber dieser hat auch den Brandhofer
fest beim Kragen gepackt und auf die Lederne des Bauern regnet es Hiebe.
Wart i wir Dir Geldbeutelstehlen vertreiben, hieß es, und
dann trischackten die Schiffsknechte erst den Unsichtbaren, bis
ihnen die Arme vom Zuschlagen müde wurden. Mit einem Fußtritt des
Dorfwirtes flog der Brandhofer, dem ganzen Dorf sichtbar, auf die Chaussee
hinaus.
Der Schneckengangerl ist dann wieder verschollen, am Drischübel will ihn
einer gesehen haben, aber man weiß es nicht gewiß.
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