Aus Bayerns Sagenschatz 006

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Oberpfalz: Die Schweine in der Ölsee

Der Winguffsfänger von Forst

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*

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Das ist nun Seite 7 meiner bayerischen Sagen-Abteilung fuer alle Besucher und Freunde unserer Bayern-Reise, aber natürlich auch für alle Bayern selber.

Alte Märchen, die nicht unbedingt aus Bayern stammen müssen, finden Sie auf folgender Seite:

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*

Eine Sage aus der Oberpfalz in Reimform habe ich wieder in einer alten Ausgabe des Bayerland gefunden

Die rollenden Fässer von Schwandorf (1760)

aufgezeichnet von J. Müller

*

Um an St. Portiunkula
In Schwandorf früh zu sein,
Kommt nachts aus Dörfern fern und nah
noch spät viel Volk herein.

Es geht nicht Schenk', nicht Gasthof zu,
Es geht nicht hin zum Wein,
Am Marktplatz lagert sich's zur Ruh'
und schläft auf hartem Stein.

Und harret still am stillen Ort,
bis drauß' das Glöcklein schallt,
Bis Mönch an Mönch im Kloster dort
zum Mett' und Kirchstuhl wallt.

Und nahe ist's um Mitternacht,
Und 's Klosterglöcklein schreit,
Und all das Volk am Markt erwacht
und grüßt den Ton erfreut.

Im hellen Mond- und Sternenlicht
Hebt dann sich Hauf' an Hauf',
Bekreuzet sich und zieht und bricht
Zur frommen Bußfahrt auf.

Da geh'n aus einer Kellerthür',
Tief aus des Berges Hang,
Gar wundersam zwei Faß herfür
und zieh'n den Markt entlang.

Kein Büttner hob sie aus der Pfort',
Kein Küfner wälzt' sie um,
Sie rollen von sich selber fort
Hinaus zum Heiligtum.

Und immer schneller zieh'n sie fort,
Bis zu dem Kirchlein klein
und lösen an der Pforte dort
sich auf in eitlen Schein.

Und alles Volk kommt hinterher
Und staunt ob dem Gesicht,

Und sieht die Fässer voll und schwer
Bei Mond und Sternenlicht.

Und zitternd, zagend, leis' und still
Tritt es in Kirch' und Thor
Und trägt der Tonnen Gaukelspiel
den braunen Vätern vor.

Die braunen Väter horchen zu
und seh'n sich fragend an ;
Da spricht in stiller Gottesruh'
Mit Ernst der Guardian:

„So habt ihr heute auch geseh'n,
Was ich schon seh' viel' Jahr!
Seht ihr es auch zum Kloster geh'n
Das volle Fässerpaar?

Es ist nicht Traum, es ist nicht Mähr',
Was ihr geseh'n zur Stund',
Die Fässer geben voll und schwer
Uns alte Sünde kund.

Es war dereinst im Städtchen da
Ein Gastwirt, reich und fein,
Der schenkt an Portiunkula
Des Wassers mehr als Wein.

Für diese sünd'ge Frevelthat
Mußt' er im Tod noch geh'n
Mußt' jedesmal heut' aus der Stadt
zu uns zwei Fässer dreh'n.

Doch heute ist's das letzte Mal;
Was er gesündigt schwer,
Er hat's gebüßt mit tausend Qual
Und wälzt nun keines mehr“

*

Und dann noch'n Gedicht (vom selbigen Wicht)

aus der Oberpfalz, Gott erhalt's !

Die Schweine in der Ölsee *

*

Von der Störe auf dem Lande,
Wo sein Tagwerk er vollbracht,
Kehrt ein Schneider an der Elle
Fröhlich heim in tiefer Nacht.

Mondenhell ist Thal und Höhe,
Menschenleer und öd' die Bahn,
Nur fünf Schweine, Bach' und Ferkel,
rennen zahm gen ihn heran.

„Sind das doch vergess'ne Leute!“
Brummt er zu dem Sternenlicht,
„Kümmern sich ums Vieh des Stalles
Wie um ihre Seelen nicht!

„Muß zur Warnung doch ein Zeichen
Frisch in eins der Tiere hau'n,
Daß die Mägd' zu andern Zeiten
Besser auf die Bachen schau'n“.

Und er zieht die scharfe Schere
aus dem Bündel rasch hervor
Fängt ein Schwein mit raschen Griffen
Und nimmt' ihm so Schweif und Ohr.

Und mit Lachen steckt ins Bündel
Er die blut'gen Trümmer ein,
Daß sie morgens seines Mutes
Mögen ihm ein Zeugnis sein.

Früh am Morgen prahlt er wirklich
Mit der Lunge ganzer Kraft,
Wie er nachts als Schütz' der Flure

Schwein um Ohr und Schweif gestraft.

Und es sollten Weib und Kinder
Seiner That Trophäen seh'n;
Aber hu! - im Bündel liegen
Nesseln von der Ölsee Höh'n.

Und ein Grausen und Entsetzen
Fährt sie an so wunderlich;
Und sie kreuzen vor den Nesseln
wie vor bösen Geistern sich.


*
: die Ölsee, ehemals ein Bauerngut, ist eine öde Höhe an der Straße von Fronberg nach Schwarzenfeld.

Als krönenden Abschluß machen wir det nu mal so wie in manchen Wirtschaften, sucht man den Kellner, isser nicht da ! Die Vornehmeren unter uns sagen nicht Kellner sondern "Ober" - den lassen wir jetzt also weg und wo sind wir dann?

Bei unseren "verlorenen Landeskindern" von der Pfalz. Ja, ja, die gehörte mal zu Bayern, da hätt's koa Kohl dick wer'n lass'n!

Aber eines haben die Pfälzer heut noch, guten Wein und davon handelt nachfolgende Sage, natürlich auch aus dem Bayernland von 1892:

Der Winguffsfänger von Forst

Vor langen, langen Zeiten lebte und jagte in der Pfalz Dagobert, der Frankenkönig. Und er liebte das Land und dessen Leute und schenkte ihnen große Gerechtigkeiten und Besitzungen. So stiftete er sich ein dauernd Andenken in dem Herzen seines Volkes, und dieses ließ sich keine Feierlichkeit vorübergehen, ohne Dagoberts, des Königs, sich zu erinnern. Nicht Schank, noch Nahm, nicht Tausch, noch Kauf, nicht Gericht, noch Gebot wurde geschlossen, ehe man durch einen herzhaften, allgemeinen Trunk vom feurigen Naß der Hardter Hügel des edlen Franken gedacht.

Geschlechter kamen und gingen, und die Erinnerung an den König trat zurück; doch der Brauch, der alte, schöne Trunk, er blieb und lebte weiter in allen Weistümern und Zunftbüchern als Winguff, das ist Weinkauf. Notariell wurde die (Mindest-) Summe des pflichtmäßigen Winguffgeldes im Akte bestimmt, der Verkäufer zahlte und oft, besonders bei geringen Käufen, ging die ganze Kaufsumme in Winguff auf. Denn die Zeugen, die Nachbarn, die Freunde, die Gerichtsleute, ja die ganze Gemeinde trank bis in unsere Gedenken herauf mit zum Winguff.

Im Laufe der Jahrhunderte nun fand sich allgemach eine stattliche Zahl solcher pfälzischen Bauerngeister in den Höhen des Himmels ein. St. Peter, der die Macht einer pfälzischen Winzerlunge noch nicht kannte, ließ die sonst Braven arglos passieren. So dauerte es nicht lange, bis dort oben eine förmliche pfälzische Kolonie sich ansiedelte, die ihr Dasein durch eine ungewöhnlich laute Fröhlichkeit darthat. Vergebens wetterte St. Hermandad, vergebens wies man die ganze Sippe unter besondere Aufsicht in die Vorstadt St. Petri; vergebens sprach der himmliche Kammerherr persönlich bei seinen neuen Bürgern vor; sobald auch nur zwei „Krischer“ besammen waren, ging der „Höllenlärm“ von neuem los.

Ernstliche Maßregeln schienen angezeigt, doch welche? Trennung war gegen die himmlische Freiheit, Ausweisung verstieß gegen das Heimatrecht, und freiwillig ging keiner. In dieser Not kam unerwartet Hilfe.


Eines Tages wurde Petrus zur Verbescheidung eines schwierigen Falles ins himmlische Hauptmeldeamt gerufen; ein ehrsamer Kellermeister aus Forst hatte sich zur großen Armee gestellt. Bedenklich runzelte der Heilige die Stirn, denn die Weinproduzenten auch aus der Rheinpfalz stehen bei ihm nicht im Geruche der ungetrübten Reinheit, und das Personale unseres Kellerkünstlers lautete nicht zum glänzendsten.

Doch plötzlich heitern sich die Mienen des Himmelsfürsten auf. „Höre, Freund“, sprach er, und den armen Sünder durchrieselte es wie Engelswonne bei dieser Anrede, „höre, Du sollst Gelegenheit haben, das Dir noch fehlende Verdienst zur Seligkeit zu erwerben. Schaffe mir Ruhe vor Deinen Landsleuten drinnen, und meine Wohnungen sollen Dir offen stehen!“


Der Kellermeister lächelte verschmitzt und erbat sich eine Stütze (Weinkufe), eine hohe schwarzseidene Schniebenkappe und einen weißen Küferschurz. Mit beiden angethan, die leere Kufe nach Winzerart auf der Schulter, verfügte er sich in die pfälzische Abteilung. Neugierig schaute ihm St. Peter nach und noch neugieriger die bereits verständigten Diener der metaphysischen Polizei.


Am Ziele angekommen, öffnete der Schlaue die Thüre und ruft mit Stentorkraft in den Redeschwall das verlockendste der Wörter: „Winguff!“ und noch einmal „Winguff!“


Momentane Stille! Dann aber packt's und reißt's wie mit Feuermacht, das uralte, längst nicht mehr gehörte „Winguff!“ Und ein mehr als hundertfaches Echo tönt nach, und Winguff! Rief's im Saale, im Flur, Winguff! Im Garten, Winguff! In allen Gassen und Winguff! Winguff! lockte der Stützenträger.


Da strömen sie herbei, die edlen Winguffsfreunde alle, in der Eile oft nur nothdürftig gekleidet; von überall kommen sie, reihen sich an den Kufenträger, und eine lange Prozession bildet sich. Denn von Mund zu Munde schwillt es fort der alten Pfälzer Zauberwort: „Winguff, Winguff!“

Wie leuchteten da die Gesichter unter dem Hambacher oder Dreimaster, unter Nebelstecher und Bummelkessel! Die Lippen spitzen sich, und auf der besonnten Antlitzoberfläche taucht, einem Fische in der Sommerhitze vergleichbar, lechzend und schnalzend, die Weinzunge erwartungsungeduldig auf. In Winguffs Banne schmachten die Geister, vergessen sie sich selbst, vergessen sie St. Peter und sein Amt, übersehen sie für den Augenblick Himmel und Hölle. Mit Winguff ! geht's an den erstaunten Himmelsschließer vorüber und eilig zum Thore hinaus; denn eben verschwindet um die Ecke Vinifer, der Winguffsfänger von Forst !


Da – ein dröhnender Schall ! Des letzten Winguffs Schwitzenszipfel war kaum in der Portallichtung verblaßt, als die Himmelsthür sich knarrend schloß. Die Pfälzer Weinseligen waren draußen !


Spät in der Nacht gelangte der Kellermeister zurück. Winguff aber kam nicht wieder und ungesagt blieb es, wohin sich die überlisteten Geister gewandt. Doch, wenn die Kerwen kommen und das Madenburg- und das Haarder Fest, wenn der Dürkheimer „Worschtmark“ fällt und der Neue bitzelt: Dann zeigt an den Bergen der Hardt sich ein geheimnisvoll nächtlich Treiben, und dunkle Gestalten ziehen in viertdimensionalen Bögen über Graben und Gosse: die Winguffsgeister suchen und finden Wohnung und Gesellen.

*


Eine oberfränkische Sage über einen Brudermord wurde durch Adolf Häußling 1898 aufgezeichnet und von J. Eibach illustriert.

Die Fußeiche bei Birkenfeld

Eine düstere Märe von Brudermord knüpft sich an den Wald bei Birkenfeld an der Hofheimer Straße. Eine sonderbare Bildung des Bodens wird vom Volk als die Spuren von Fußtritten erklärt. Würde sie von Menschentritten stammen, müßten sie wohl schon längst vom Regen hinweggeschwemmt worden sein. Sie bleiben aber unverwüstlich und unausrottbar und niemand anderer als der Böse, der Satan selbst, soll sie in den Boden getreten haben.

Das geschah laut der Sage nun folgendermaßen: zwei Brüder, die einzigen Söhne des Ritters von der nahen Burg vergnügten sich einst im Walde nach Vogelnestern zu spähen. In den dichten Ästen einer Eiche erblickten beide zu gleicher Zeit das Nest einer Wildtaube. Jeder wollte es zuerst entdeckt haben, jeder wollten den Fund für sich beanspruchen.

Ein wilder Streit begann, zuerst mit Worten und ging dann zu Thätlichkeiten über, beide zückten die Dolche. Der Jüngere, gewandt und kräftig, warf den Älteren nieder und bohrte ihm das Messer in das Herz.



Der Satan aber fand sein Wohlgefallen daran, daß sich abermals die greuliche That wiederholte, die einst Kain an seinem Bruder Abel verübt hatte. Der Böse fand sich zur Stelle am Baum ein und in weiten Schritten ummaß er den Platz des Unheils. In solcher Weise ist bis zum heutigen Tage der Brudermord zum warnenden Andenken für alle Zeiten verewigt.

Über den ewigen Wunsch, verborgene Schätze in der Erde zu entdecken erzählt eine andere Sage des Fichtelgebirges, ebenfalls im Jahr 1898 von Adolf Häußling veröffentlicht im „Das Bayerland“ und von G. Eibach mit einer Illustration versehen:

Das verlorene Kind von Marktschorgast

Mühsam ringt der Fleiß des Fichtelgebirgbewohneers in harter Arbeit dem Boden seine Ernte ab. Um so geschäftiger ist die Sage des Volkes, neugierig Reichtum und Schätze zu ersinnen, die in der Erde verschlossen sind. Vo solchen weiß auch die Sage vom verlorenen Kinde zu Marktschorgast zu berichten.

Vor langer und langer Zeit wandelte einst eine Frau mit ihrem Kinde in den Wald, um dort Himbeeren zu pflücken. Sie kam zu einem in reicher Fülle prangenden Stracher, der über und über mit den köstlichsten Beeren bedeckt war. Sie mochte noch so emsig pflücken, so daß ihre mitgebrachten Körbe bald gefüllt waren, am Strauche selbst bemerkte man nicht, daß auch nur eine Beere fehlte. Die Frau konnte sich diese merkwürdige Erscheinung nicht erklären, umging den Busch mehrere Male und sah plötzlich neben demselben eine kellerartige Öffnung, die in die Erde hinabführte.

Unerschrocken und furchtlos, wie es die Bewohner jener Gegen zu sein pflegen, außerdem angetrieben von der Neugierde, dieser Erbtugend des weiblichen Geschlechtes, stieg sie hinab und befand sich nach wenigen Schritten in einer weiten, geräumigen Halle, in der es überall von Gold und kostbaren Gesteinen funkelte und gleißte. Drei weiße Frauen traten auf das Weib herzu, sprachen sie freundlich an und bemerkten ihr, sie dürfe von den Schätzen nehmen, was sie mit dem Griff einer Hand fassen könne.



Vielleicht, daß die Marktschorgasterin meinte, diese Erlaubnis gelte von jeder einzelnen der Frauen für einen erneuten Griff, kurz und gut, von Habsucht verblendet machte sie drei Griffe in den Gold- und Silberhaufen hinein und eilte dann mit raschen Schritten dem Eingang zu. Fast hätte es das Ende ihres Kleides erfaßt, als krachend und polternd die schwere eiserne Thühr hinter ihr zuflog. Eben hatte sie noch den festen Boden des Waldes gewonnen.

Aber Todesschrecken überrieselte sie, als sie erst jetzt gewahrte, daß ihr kleines Kind, welches sich an ihren Rock geklammert hatte, von ihr in der Halle vergessen worden war. Vergebens pocht sie an der Thür, vergebens verhallt ihr Jammergeschrei, ihr Klagen und Weinen im Wald. Wie höhnend rief das Echo der Berge zurück, die Öffnung blieb verschlossen, fester als ein Grab.

Was halfen ihr nun die kostbaren Kleinodien, die sie mitgenommen? Ein Faß voll Gold wäre nicht im Stande gewesen, den Schmerz der unglücklichen Mutter zu beschwichtigen. Tag für Tag ging sie in den Wald hinaus, an die Stätte, wo sie ihren Liebling verlor. Doch wer kann den Jubel und die Wonne beschreiben, als sie am Johannistage die Pforte offen fand?

Sie erwog nicht, ob der Eintritt ihr neue Gefahr bringe, ob die drei Frauen sie nicht noch härter bestrafen würden, wenn sie die Frevlerin von damals wieder in die Gewalt bekämen. Die Mutterliebe besiegte alle Bedenken, unerschrocken eilte sie der Halle zu. Welch ein Entzücken!
Das erste, was sie erblickte, war ihr teures Kind, das ihr mit frohem Jubelruf entgegeneilte und ihr lächelnd einen duftigen rotbackigen Apfel überreichte, den es in den Händen hielt.

Diesmal hatte die Marktschorgasterin keinen Blick für all die Schätze, die noch um sie herumlagen, sie umfing glückstrahlend ihr Kind und eilte dem Ausgange zu. Nichts hemmte ihre Flucht, glücklich und ungefährdet erreichte sie ihr Haus, wo sie von nun an mit ihrem Kinde in Wohlbehagen und Reichtum dahin lebte.

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